Gülden strahlt der Hochaltar, silbern glänzen die Sardinen. Wie kunstvoll konstruierte Bauwerke ragen rotschimmernde Felsbogen auf, durch die ein saphirblauer Himmel strahlt. Am Strand liegen pittoreske Fischerboote und nur wenige Touristen. Schneeweiße Häuser tragen filigrane Schornsteine wie Spitzenhäubchen. Buntschimmernde Kacheln schmücken Wände. Auf dem Markt stapeln sich appetitlich aufgeschichtet Obst und Gemüse. Die Landschaft prunkt in archaischer Schlichtheit, Felder, Orangenbäume, eine trutzige Festung. Schlechthin eine Idylle, in der man badet und faulenzt, Golf spielt und ausgeht. Ein Paradies ohne Fehl und Tadel, wie geschaffen, spontan loszufliegen, diesem gesegneten Landstrich entgegen, der uns hier im kühlen Hamburg als Dia-Show voll tausend schöner Bilder entgegenstrahlt.

Genauso soll’s auch sein. Die Dia-Show ist Informationsmaterial für die Damen und Herren aus den Reisebüros, die, hoffentlich entzückt von so viel makelloser Pracht, nun ihre Kunden mit Sirenentönen verführen werden, just an diesem wunderschönen Flecken Urlaub zu machen. Nebenbei, es handelt sich um die Algarve.

Aber spätestens dann, wenn die Berater im Reisebüro ihrer buchungswilligen Klientel den Mund so richtig wäßrig gemacht haben, kommt das Problem. Denn nirgends auf den vielen, vielen Bildchen war zu sehen, wo die Urlauber denn nun wohnen können, wenn sie in Scharen kommen. Die Crux: Ungemein photogen ragen an der Algarve die roten Felsen in den Himmel, nicht ganz so filigran und urlaubsschön recken sich dahinter die Hotelhochhäuser in die Höhe. Mächtige moderne Brocken, fünf, sechs, sieben, acht, zwölf Stockwerke hoch, beherrschen sie weitgestreut die Skyline, dominieren die kleinen weißen Häuser, schieben sich in dem ehemals beschaulich-hübschen Dorf Quarteira in dicken Reihen häßlicher Appartementblocks so in den Vordergrund, daß die alten Häuschen wirken, als wären sie vergessene Museumsstücke. Wie die gewaltigen Arme eines Kraken greifen die Ferienhaussiedlungen in Albufeira um sich, haben die kleine Stadt längst fest im Klammergriff. Aber manches von dem sehen unsere Reisebürofachleute erst, wenn sie zu den Katalogen greifen. Die effektvolle Dia-Show wollte wohl den Ferienexperten solche Häßlichkeiten nicht zumuten.

Dabei stimmt ja alles auf den stimmungsfördernden Photos. Der Altar in der Kirche Santo Antonio in Lagos sprüht vor Gold, frischer Fisch wird immer noch angelandet, die Festung Silves thront, Kilometer vom Strand entfernt, genauso photogen wie auf dem Dia, und die Azulejos tragen wunderbare Muster – alles nichts als die Wahrheit, wenngleich auch nur die Hälfte der Wahrheit. Der andere Teil, das sind die Betonklötze und Baustellen. Verstecken kann man sie auf die Dauer nicht. Spätestens wenn der Urlauber sein Zimmer im achten Stock bezieht und sein Blick hinausschweift über den Küstenstrich, dann wird er entdecken, wie emsig an der Algarve gebaut wurde.

Und dann kennt er sie – die ganze Wahrheit.

Monika Putschögl