Von Anna v. Münchhausen

Acht Stunden sind kein Tag, gewiß. Aber was tut eine Sekretärin in diesen acht Stunden nicht alles für ihren Chef. Und was hat sie davon? Drei Stimmen aus dem Chor der unzähligen Frauen, die jeden Morgen ihre vier mal fünf Quadratmeter Bürolandschaft betreten, den Stapel Post zur Seite legen, die Plastikhaube von der Maschine nehmen, das Terminal warmlaufen lassen, den Ficus benjamini wässern und dann an ihre Arbeit gehen.

Zum Beispiel Fawn Hall, Washington: Bei ihrer Zeugenvernehmung im Iran-Contra-Ausschuß beeindruckte die Sekretärin des schneidigen Obersten Oliver Hunt. Ja, die Geheimpapiere hatte sie gleich in den Reißwolf gesteckt, als das Büro durchsucht werden sollte. Weitere Dokumente verließen in ihren hohen Stiefeln das Weiße Haus, von den Kontrollen unbemerkt. „Alles natürlich Teil meines Jobs ...“, sagte Fawn Hall.

Zum Beispiel Katharina Herder 37 Jahre alt, tätig für einen Bereichsleiter in einem großen Münchner Verlag: „Anfangs hatte ich enormen Respekt vor meinem Chef. Wie belesen er war, wie er formulierte, wen er kannte und mal so eben anrief, illustre Autoren und Leute, die man sonst nur aus der Zeitung kennt ... Aber so ganz allmählich schrumpfte er doch. Ich lernte seine Maschen und sein Imponiergehabe besser kennen, und eines Morgens, da gingen mir die Augen auf: Ach, der hat ja auch Schwächen. Meiner Arbeit hat das nur gutgetan.“

Zum Beispiel Irene Cronenberg*, heute pensioniert, 28 Jahre Sekretärin im Vorzimmer des Präsidenten eines Oberlandesgerichts: „Mein erster Chef, der noch mit Kneifer und Cut ins Büro kam, war ein strenger. ‚Mein Fräulein...‘, da wußte man schon, was gemeint war. Ich bin in die Aufgaben hineingewachsen und merkte, es wurde immer schwieriger. Und er? Er machte sich eine Freude daraus zu sehen, wie wird die damit fertig?“

Ob Politik, Bauprojekte, Prozesse oder Bestseller – die gängigerweise von Managern erwartete Flexibilität müssen auch Sekretärinnen beweisen. Ungefähr 1,2 Millionen Frauen in der Bundesrepublik geben dies als Berufsbezeichnung an. Die Definition ist nach wie vor diffus, denn die Stufenleiter der Qualifikationen reicht von „Schreibkraft, Phonotypistin“ über die „Fremdsprachensekretärin/Sachbearbeiterin“ bis zur Spitzenkraft, der „Chefsekretärin Vorstand“.

Auch wenn die Automation (Telefax, Textverarbeitung und Electronic Mailing) die Arbeitsplätze in den Büros dramatisch verändert hat – auf allen Ebenen werden erfahrene Arbeitskräfte gesucht, besonders in Großstädten und in den nach wie vor personalintensiven Dienstleistungsbranchen. Wer findet, was er sucht, darf von Glück sagen, denn: „Sekretärin darf sich jede Bürokraft nennen, egal ob sie Zollpapiere in Französisch abfassen kann oder gerade eben einen Brief fehlerfrei hinbekommt“, klagt ein Personalberater, der längst auch Sekretärinnen vermittelt. Welche Ausbildung und welches Diplom auf bestem Bütten tatsächlich solides Fachwissen ausweist oder ob lediglich mit klingenden Anpreisungen geprahlt wird, darüber herrscht nach wie vor Verwirrung.