Das Pferd namens Bayard muß riesig wie ein Zyklop gewesen sein. Wie anders hätte es mit seinen Hufen ganze Seen in den Boden stampfen und im Galopp sogar über die Maas hinwegsetzen können? Den vier Ritterssöhnen Aymon, die auf dem Rücken des monströsen Wundergaules vor den Häschern ihres Erzfeindes, Karl dem Großen, flüchteten, dichtet die Legende nicht weniger markige Taten an.

Der Sagenschatz der französischen Ardennen, die sich über den nördlichen, an Belgien angrenzenden Teil des gleichnamigen Departements erstrecken, hat zahlreiche mythengeprägte Ausflugsziele geboren. So führt die ausgeschilderte Legenden-Route entlang der Flüsse Maas und Semoy zum vierhöckerigen „Felsen der Söhne Aymon“, einer von Zauberhand durchgeführten Versteinerung der Helden und ihres Rosses.

Auch andere Haine, Gewässer oder Koppen haben die Volksmythologie inspiriert und sind heute vielbesuchte Landschaften. Die „Maas-Damen“, drei von Moos und Gestrüpp überwucherte Hügel, erinnern an untreue Rittersgemahlinnen, die von Gott bestraft und versteinert wurden.

Beim Felsen „La Tour“ passierte Satan, so geht die Sage, ein Malheur: Der Teufel hatte einem Grafen versprochen, ihm in einer einzigen Nacht, bis zum Hahnenschrei, ein prunkvolles Schloß zu errichten, wenn der Edelmann ihm dafür seine Seele gäbe. Doch der Hahn krähte zu früh, und der letzte Stein war noch nicht gesetzt. Außer sich vor Wut zertrümmerte Beelzebub das Schloß. Es blieben nur einige Felstrümmer übrig, die in die Semoy hinabstürzten und dort nun reißende Wirbel verursachen, die von den Kapitänen der Exkursionsboote geschickt umschifft werden.

Gruselige Mären gediehen in der kratzbürstigen Naturkulisse der Ardennen besonders üppig. Noch heute wirken die oft von dichtem Nebel eingeschnürten, von Regen und Sturm durchgepeitschten Kiefern- und Eichenwälder furchteinflößend. Wer nach Sonnenuntergang auf der einsamen Straße von Hautes-Rivieres nach Molhain fährt, während der Zeiger der Benzinuhr auf Reserve zeigt, ist heilfroh, wenn er in der Ferne endlich die ersten Häuser wahrnimmt.

Während die Touristen vor allem die unzähligen Wandergelegenheiten dieses Labyrinthes aus wuchtigen Stämmen und fächerförmig ausgelegten Farnteppichen schätzen, betrachten die Einheimischen ihre natürliche Umgebung mitunter mit gemischten Gefühlen. So die alleinstehende 74jährige Louise Athrival, die an einer Waldlichtung in einem kleinen, efeuumrankten Haus wohnt. Jedem Naturfreund würde angesichts der unbändig gedeihenden Brombeerhecken, des von Flechten überzogenen Buchengehölzes, der Steinpilze, des Waldmeisters und der Buschwindröschen das grüne Herz höher schlagen. Für die alte Dame ist es hingegen nur „scheußlicher Dschungel“. Auf vergilbten Photos zeigt sie, wie die Lichtung früher ausgesehen hatte: adrett angelegte Felder, auf denen Louise Athrival und ihr Vater Kartoffeln, Zuckerrüben und Roggen anpflanzten.

Doch der Ackerbau lohnte nicht, deshalb mußte sie ihren Lebensunterhalt als Haushälterin verdienen. Die Natur gewann nach und nach verlorengegangenes Terrain zurück.