Warschau, im Oktober

Fernsehen und Zeitungen berichten ausführlich, aber es wäre übertrieben zu behaupten, daß der politische Wandel westlich der Oder in Polen mit angehaltenem Atem verfolgt wird. Die Polen haben genug eigene Sorgen. Der Pfarrer aus dem Dorf unweit der Neiße, der sich der illegalen Flüchtlinge aus der DDR angenommen hat, winkt resigniert ab. „Fragen Sie nicht, wie es uns geht. Die Preise steigen von Woche zu Woche, im Dorfladen hat es seit einem Monat keinen Zucker gegeben. Die da drüben sind viel besser dran.“

Der höhere Lebensstandard in der DDR weckt bei den Polen Neid und Respekt, aber verlockend wirkt das Land nicht. Sie empfinden es als öde, langweilig, blutleer. „Es ist zum Verzweifeln, da passiert überhaupt nichts“, sagte mir noch vor wenigen Wochen ein junger Pole, der in Leipzig studiert.

Trotz der reservierten Haltung gegenüber dem westlichen Nachbarn stießen abtrünnige DDR-Bürger, die via Polen in die Bundesrepublik wollten, vielerorts auf Hilfsbereitschaft. „Ick hätt nie jeglobt, dat ick von die Polen so jut behandelt werde“ – der Ostberliner, mit dem ich durch den Zaun der Warschauer westdeutschen Vertretung sprach, war sichtlich überrascht.

Seine Verwunderung ist nur ein Beleg dafür, wie sehr Polen und die Bürger der DDR einander mißtrauen, aneinander vorbeileben. Erst jetzt, dank der sich plötzlich abzeichnenden demokratischen Änderungen in der DDR, entsteht die Chance, endlich mit den Deutschen von dort ins Gespräch zu kommen. Endlich wird ein Dialog ohne Aufsicht der Funktionäre möglich, ohne Lobeshymnen auf den Sozialismus, ohne das ganze Propagandagetöse, mit dem beide Seiten jahrzehntelang Befürchtungen, Vorbehalte und Vorurteile zu übertönen versuchten.

Die Notwendigkeit, einen solchen Dialog in die Wege zu leiten, liegt auf der Hand. Denn unabhängig davon, ob es in einigen Jahren die DDR noch gibt oder nicht, werden nicht die Saarländer oder Bayern, sondern die Berliner, Mecklenburger und Sachsen Polens unmittelbare Nachbarn bleiben.

Die DDR hatte schon 1950 die Oder-Neiße-Grenze anerkannt, was ihr bis heute in Polen hoch angerechnet wird. Seit dieser Zeit wurde nicht mehr von Versöhnung gesprochen, weil beide Regime Freundschaft verkündet hatten. Doch diese Proklamation kam einfach zu früh, denn knapp fünf Jahre nach dem Krieg empfanden Millionen von Polen und Millionen von Vertriebenen, die auf dem Gebiet der späteren DDR Aufnahme gefunden hatten, mehr Haß als Zuneigung füreinander. So entstand eine Freundschaft zwischen den Regierungen, nicht aber zwischen den Völkern.