Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im Oktober

Er gab ihr einen Kuß; sie fand das allzu stürmisch. Sie blieb dann doch über Nacht; er hielt das für einen schamlos schnellen Entschluß. Nein sagte schließlich keiner von beiden. Der amerikanische Psychologe Paul Watzlawick amüsierte seine Leser einst in einer Studie über „Menschliche Kommunikation“ mit diesem Beispiel eines kulturell programmierten Beziehungskonflikts, wie er sich während des Krieges häufig zwischen amerikanischen Soldaten und englischen Mädchen auf der britischen Insel zutrug. Denn selbst wenn beide Partner dieselbe Sprache sprachen – von den Regeln des richtigen Benimms hatte jeder aufgrund seiner Herkunft eigene Vorstellungen.

Die deutsche Frage ist für Frankreich aufgrund seiner Herkunft und Lage die Frage nach der eigenen Sicherheit – gestern vor den Deutschen, seit dem Krieg vor der Macht in Moskau. Für die Deutschen ist es die Frage nach ihrer Einheit: Der langjährige französische Botschafter Henri Froment-Meurice brachte es unlängst auf diese treffende Formel.

Doch was, wenn das eine nur zu haben ist, sobald das andere zurückgestellt wird? Dann geraten beide Partner in einen jener sporadisch wiederkehrenden Beziehungskonflikte, wie er jetzt ihr Verhältnis prägt. Der andere verhält sich falsch. Dieses Gefühl beschleicht beide. Allzu stürmisch findet Frankreich die Deutschen in ihrem verständlichen Interesse an den „Brüdern im Osten“. Für ein wenig impertinent hält mancher Deutsche diese Franzosen, deren Außenminister Roland Dumas kühl an Berlin-Status oder Viermächtevorbehalt für ganz Deutschland erinnerte. Und verstört fragen sich wiederum französische Beobachter, ob der Partner noch den Blick von den Ereignissen in Leipzig oder Dresden heben kann, ob nicht das gemeinsame Projekt Westeuropa aus dem Gesichtsfeld der Deutschen gerät.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher beruhigte zumindest in diesem letzten Punkt mit seiner Frankfurter Rede und seinem ZEIT-Interview vergangene Woche einige Gemüter in Paris. „Entscheidend ist, daß ein Beitrittsland die Europäische Gemeinschaft nicht nur so, wie sie jetzt ist, sondern in der Finalität der Europäischen Union einschließlich der außen- und sicherheitspolitischen Dimension akzeptierte. Ob Österreich das kann, das können wir nicht entscheiden. Genschers Worte räumten manche Bedenken bestseite, stand er doch zuvor im Verdacht, mit seinem Engagement für ein künftiges EG-Mitglied Österreich womöglich die Europäische Union auf halber Strecke zu stoppen: Sollte denn nach dem gemeinsamen Markt 1992 bereits Schluß sein, sollte die außen- und sicherheitspolitische „Finalität“ der Einheitsakte mit einem Male ausgeklammert werden unter Hinweis auf die Wiener Neutralität?

Genscher will die Europäische Gemeinschaft auch in Zukunft offenhalten: Für manchen Franzosen kehrt er damit schon der Gemeinschaft den Rücken, arbeitet er zumindest an einer Revision der Einheitsakte. Und diese französische Befürchtung weckt auf der Gegenseite sofort den Eindruck, die Einheitsakte gehöre zu einem Zähmungskonzept, das die Westdeutschen vom Osten ablenken und in den Westen einbinden solle.