Was lange Zeit in der DDR ein Tabu war, wird heute offen angesprochen. Bürger beklagen in öffentlichen Diskussionen bitter die Folgen der "Massenflucht" in die Bundesrepublik, drastische Beispiele kommen zur Sprache: Busfahrer müssen bis zu hundert Überstunden im Monat machen, auf Baustellen werden zur Sicherung der Planerfüllung Zwölf StundenSchichten geleistet, in Gaststätten und Hotels bricht der Service zusammen, und im Gesundheitswesen wird die Lage immer komplizierter. Bei einer Debatte in der Ostberliner Kongreßhalle verwies der Arzt Werner Kinkel vom Klinikum Buch jüngst auf die Abwanderung von Ärzten und den dadurch entstandenen Personalmangel. Er forderte deshalb die Entlassung von Ärzten aus dem Reservedienst bei der Nationalen Volksarmee und die Aufhebung bereits verschickter Einberufungsbefehle.

Andere Ärzte haben bereits verlangt, daß für die Pflegedienste, die unter starkem Personalmangel leiden, Soldaten eingesetzt werden. In einer Femsehdiskussion gab dann auch Gesundheitsminister Klaus Thielmann zu, daß durch den Weggang von Ärzten im Gesundheitswesen "Löcher" entstanden seien, die von dem übriggebliebenen Personal trotz größter Aufopferung kaum geschlossen werden könnten. Deutlich wurde die prekäre Situation in verschiedenen Krankenhäusern auch beim Ostberliner Rettungsdienst Ähnlich desolat ist es in vielen anderen Bereichen. Stadtreinigungsbetriebe kommen mit ihrer Arbeit nicht mehr nach. Bei der Potsdamer Friseurgenossenschaft sind dreißig Friseusen weggeblieben; die Kunden müssen noch länger warten als zuvor. Der Großhandel kann die Geschäfte nicht mehr rechtzeitig beliefern, so daß die Lücken im Warenangebot noch größer werden.

Die DDR Regierung beginnt sich deshalb ernsthafte Sorgen zu machen. Denn schlechte Versorgung ist sicher nicht das Hauptmotiv für die Abwanderung von Zehntausenden. Aber sie ist doch ein wichtiger Grund für die Unzufriedenheit der Zurückbleibenden. So erklärte Ministerpräsident Willi Stoph, einer der exponiertesten Vertreter des alten Regimes, dem DDR Fernsehen, man dürfe die Leistungen der Betriebe "nicht mehr an abstrakten Wachstumsraten irgendwelcher Kennziffern oder statistischer Durchschnittswerte messen. Große Anstrengungen unternehmen wir für eine erhöhte Produktion und bessere Versorgung mit Ersatzteilen, technischen Konsumgütern sowie Textilien. Genannt seien hier auch Maßnahmen zur Verbesserung des Versorgungstransports " Mit zwei Sätzen diskreditiert da der Mann seit 25 Jahren — mit einer dreijährigen Unterbrechung — an der Spitze der DDR Regierung steht, die Politik, die er so lange mitverantwortet und formuliert hat. Die Erfüllung der Plankennziffern galt bis vor wenigen Tagen als wichtigstes Kriterium der wirtschaftlichen Leistung, und Männer wie Willi Stoph und der abgelöste Wirtschaftspapst der SED, Günter Mittag, ließen nicht im mindesten daran rütteln, auch wenn die Folgen davon noch so unsinnig waren.

Kehrtwendungen dieser Art erleben die erstaunten DDR Bürger derzeit auf allen Ebenen der Funktionärshierarchie. Er habe den Eindruck, daß auf allen Seiten Leute seien, "die ihre sehr persönlichen Süppchen an den Feuern der Erneuerung kochen", meinte der Schriftsteller Hermann Kant, einer der profiliertesten Süppchenköche der DDR, am vergangenen Sonntag bei einer Diskussionsveranstaltung vor dem Ostberliner Roten Rathaus. t 4erUnd sein Kollege Christoph Hein spottete in einem Interview: "Der Opportunismus ist eine große Produktivkraft Wenn dies so wäre, brauchte sich die DDR Führung um die Produktivität derzeit keine Gedanken zu machen.

Doch die von Willi Stoph versprochene bessere Versorgung wird trotzdem auf sich warten lassen. Denn die Bewältigung der wirtschaftlichen Probleme der DDR ist mit Sicherheit die schwierigste Aufgabe, die zu lösen ist. Reisefreiheit oder Amnestien lassen sich mit einem einfachen Gesetz verkünden. Selbst Pressefreiheit und demokratischere Umgangsformen sind, wie sich zeigt, erstaunlich schnell erlernbar. Aber die Beseitigung der wirtschaftlichen Disproportionen, die Modernisierung der rückständigen Technik und der maroden Infrastruktur wird selbst dann mindestens ein Jahrzehnt dauern, wenn schon morgen die staatliche Planbürokratie entschlossen abgeschüttelt werden würde.

Zu den Disproportionen der DDR Wirtschaft gehört der gesamte Arbeitsmarkt. In der DDR sind zum Beispiel in Industrie und produzierendem Handwerk rund vierzig Prozent, in der Bauwirtschaft sieben Prozent und in der Landwirtschaft über zehn Prozent aller Beschäftigten tätig. In der Bundesrepublik sind es im verarbeitenden Gewerbe knapp 32 Prozent, im Baugewerbe ebenfalls sieben Prozent und in der Landwirtschaft unter fünf Prozent. In Handel, Dienstleistungen und Verkehr sind in der Bundesrepublik anteilig mehr Menschen beschäftigt als in der DDR; beim Staatsdienst ist es dagegen umgekehrt.

Diese Disproportionen werden nun noch verschärft durch Flucht und Übersiedlung in den Westen. Allein in diesem Jahr werden vermutlich weit mehr als 150 000 Menschen die DDR verlassen; bis Ende September waren es schon rund 135 000. Seit Anfang 1984 hätten dann der DDR über 250 000 Menschen den Rücken zugekehrt, mehr als Rostock, die sechstgrößte Stadt der DDR, an Einwohnern hat. Zwei Drittel der Übersiedler sind erwerbstätig, so daß der DDR in sechs Jahren rund zwei Prozent aller Arbeitskräfte verlorengegangen sind, mehr als die Hälfte davon allein in diesem Jahr.