Dreißig wird er sein, könnte Hans, Fritz oder Erich heißen, sieht aus wie einer von den Übersiedlern aus der DDR, die am laufenden Band im Fernsehen vorkommen, sächselt auch mal zur Probe. Und was sonst noch: Er wühlt in Jeansläden herum und sagt: „Ich komm’ doch gerade aus der DDR, aber das hier ist alles viel zuviel und viel zu teuer.“ Jeden Tag kriegt er mindestens ein T-Shirt mit, zwei „Warner-Jeans“ aus Restposten wanderten schon in seine Umhängetasche, die sogar Platz für sein Baby hatte, das er darin durch ein Sumpfgelände in Ungarn schleppen mußte; er kann es nicht oft genug sagen...

Will er endlich Pause machen, geht er in einen Fleischerladen, spielt den Sprachlosen, staunt und stottert: „Ich komm’ doch gerade aus der DDR.“ Hier ändert er den Text, druckst und glotzt: „Das hat drüben noch keiner gesehen.“ Dann tut er, als ob er verschwinden will, aber man macht ihm schnell noch ein Aufschnittpaket fertig, auch für Frau und Kind. In Drogerien fragt er nach Babyseife und irgend etwas Frischem für seine Frau, vielleicht zum Sprühen und Betupfen. Während er zwischendurch seinen Spruch heruntermurmelt, gibt es noch Zahnpasta, Klopapier und Watte. Mit Bettwäsche war es gar nicht so einfach, doch jedesmal fielen Geschirrtücher ab, immer weiße

Neue Turnschuhe gabelte er sich bei der Eröffnung einer Schuhladenfiliale auf, genau seine Marke, und er sagte noch, was seine alten alles durchgemacht hätten auf der Flucht. Ein Autohändler will ihm seinen Trabi für Ausstellungszwecke abkaufen, ganz groß, und wegen der Zusage durfte er im voraus einen Verbandskasten mitnehmen. Mittags zieht er voll beladen an einen Taxistand und sagt, daß er nun zum ersten Mal in der BRD mit einem Taxi fährt. Die Fahrer machen die Tour für ein Trinkgeld. Bis Weihnachten will er alles unterderhand abstoßen, abgesehen von Obst und Gemüse, Südfrüchten und Fleischwaren.

Nach Weihnachten wird er mit einem hohlwangigen Vierziger losgehen, der zuletzt mit ihm in einer Zelle im Untersuchungsgefängnis saß und vorher öfter in der DDR im Gefängnis gewesen ist. Dann wollen sie „gerade entlassene politische Häftlinge“ spielen und sich bei den Kirchen Handgeld für den Neuanfang holen...