Von Rolf Schneider

Ein Buch, das in seiner Unterzeile Paris zur Hauptstadt Europas ausruft, erinnert zwangsläufig an jenen berühmteren und von Walter Benjamin ersonnenen Titel, der Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts sieht. Diese Erinnerung ist gewollt. Das 19. Jahrhundert war Europas Jahrhundert der Bürgerlichkeit, und da geschichtliche Epochen sich selten an runde Kalenderjahre halten, macht Johannes Willms uns zusätzlich mit den historischen Eckdaten bekannt: 1789 und 1914.

Die politisch-kulturelle Maßstäblichkeit Frankreichs für den ganzen Kontinent war keine bourgeoise Erfindung. Sie galt spätestens seit dem Sonnenkönig. Der war auch verantwortlich für jenen staatlichen Zentralismus, welcher hernach dem Ausbreiten einer nationalen Bürgerlichkeit so sehr entgegen kam. Ludwigs Hauptstadt hieß allerdings Versailles, und es blieb den Pariser Marktweibern unter ihrer Anführerin Theroigne de Mericourt vorbehalten, die Königsfamilie in die Tuilerien zu holen und die alte Metropole damit zu rehabilitieren. Dies geschah im Oktober 1789, im ersten Jahr der Revolution.

Seither waren die Ereignisse von Paris maßgeblich für das Geschehen im übrigen Land, allerdings nicht ganz so ausschließlich, wie Johannes Willms es darstellt, und das von Sartre zu Recht vorgetragene Argument, die Zentralisierung Frankreichs sei vor allem ein Akt innerfranzösischer Kolonisation gewesen, wird von ihm nirgends bedacht.

Manchmal freilich hatten die von Paris ausgehenden Impulse Auswirkungen auf den gesamten Erdteil. Dies gilt jedenfalls für die politischen Revolutionen: jene von 1789, jene von 1830, jene von 1848, jene von 1871. Die in Paris entwickelten zivilisatorischen Modelle aber verdankten sich zumeist lokalen Besonderheiten, die ganz unvergleichlich waren.

Es gehörte dazu etwa die Existenz des Palais-Royal. Der alte Wohnsitz des Kardinals Richelieu war um 1780 Besitztum des Herzogs von Orleans geworden, der die Schloßanlage architektonisch auffrischen ließ, um sie hinterher zu vermieten, aus finanziellem Grund. Im Erdgeschoß, hinter den neuen Colonaden, siedelten die Inhaber von Luxusgeschäften und Cafés.