Von Adam Krzemiński

Die DDR ist endlich in Bewegung geraten, sie entdeckt ihre wahre Identität, und sie öffnet sich – zunächst nach innen, aber bald wohl auch nach außen. Aus der polnischen Perspektive kann man diesen Prozeß nur mit großer Erleichterung begrüßen. Nun werden wir unseren unmittelbaren Nachbarn wohl nicht mehr als gepanzerten Gralshüter des „einzig wahren Sozialismus“ und „lästiges Transitland“ nach Westen empfinden, und auch die Polen am Alexanderplatz werden nicht mehr lange das Polenbild der DDR-Deutschen bestimmen. Schon jetzt zeichnen sich Parallelen zwischen der Entwicklung in Polen und der DDR ab, die Unterschiede dagegen können schon bald für zusätzliche Attraktivität sorgen.

Die „deutsche Revolution“ dieses „Völkerfrühlings“ verläuft nach der Logik, die wir im Osten seit Jahren erleben: Erst brechen aufgestaute und unterdrückte Emotionen, Ängste und Aggressionen auf, dann gibt es Massendemonstrationen und Straßenschlachten; schließlich formiert sich eine unabhängige Bewegung. Es ist die Logik des Umbruchs, die wir alle – Polen, Ungarn, Russen, Litauer, Letten, Esten, Ukrainer – kennengelernt haben: Emanzipation, Überwindung der Angst, Demonstration der Stärke seitens des Staates und der Massen und schließlich Dialog.

Die DDR hatte Anfang Oktober alles auf einmal und von allem ein bißchen – von unserem August 80, dem Kriegsrecht und dem polnischen „runden Tisch“, dazu noch etwas nachgeholte Destalinisierung und eine Neuauflage der „deutschen Frage“, aber anders als viele Politiker und Publizisten in Ost und West sie stellten. Nicht die Wiedervereinigung stand bei den Demonstranten in Leipzig, Dresden oder Berlin zur Debatte, sondern die Frage: Wer sind wir, und was wollen wir werden?

Die Fluchtwelle hatte nicht nur eine Sogwirkung, sondern auch eine kathartische, sie zwang zur Selbstbesinnung. Viele stellten sich die Frage: „Flüchten oder Standhalten“, und wenn schon bleiben – dann warum? Meine Freunde erzählten mir, sie hätten sich bei ihrer Rückkehr vom Urlaub in Ungarn nach Berlin geradezu vor sich selbst rechtfertigen müssen; ihre Rückkehr bedeute keineswegs, daß sie „Nutznießer“ des Regimes seien. Diese selbstquälerische Auseinandersetzung mit einer angeblichen oder tatsächlichen „Kollaboration“ ist uns Polen aus dem Kriegsrecht wohlbekannt.

Wer sich jetzt entschied, in der DDR zu bleiben, der mußte auch darüber sprechen. Die Zungen lösten sich, und die Menschen gingen auf die Straße, um unter sich zu sein. Auch wir Polen kennen diesen Mechanismus der Solidarität, sei es von der Euphorie des Streiks, sei es von nicht enden wollenden Podiumsgesprächen und Sitzungen oder von den politischen Andachten in der Kirche. Das „Neue Forum“ erinnert in manchem an die Solidarnosc, wenn auch eher an die der Intelligenz und nicht die der Arbeiter; vielleicht steckt in ihm auch etwas von „KOR“. Das Programm ist noch recht unklar, denn wichtig ist die Überwindung der Angst vor dem „Verbotenen“, der Beitritt, die Teilnahme an etwas Richtigem und Authentischem.

Für einen polnischen Beobachter war der 7. Oktober nicht nur der vierzigste Geburtstag der DDR, sondern auch die Grablegung des deutschen Stalinismus. In diesen Tagen sah Ost-Berlin so aus, als ob sich drei verschiedene Welten übereinandergeschichtet hätten. Fackelzüge disziplinierter FDJ-Kohorten mit dröhnenden Jubelliedern, wie wir sie in Polen seit den fünfziger Jahren nicht mehr kennen, Straßenschlachten mit der Polizei und schließlich sehr „polnische“ Bilder von überfüllten Kirchen und endlosen Beratungen in den Wohnungen. Noch am Tag zuvor hatten Bekannte und Freunde vom „China-Syndrom“ gesprochen. Als man mich zum Treffen einer unabhängigen Vereinigung brachte, blieb unser Trabant lange im Stau stecken. Minutenlang kreuzten vor uns Panzer die Straße. Man probte für die Militärparade, aber aufgefaßt wurde das eindeutig als Drohgebärde des eingemauerten Staates. In den Gesichtern der Menschen standen Angst und Wut geschrieben, aber auch Beschämung darüber, daß sich ihr Staat auf diese Weise präsentiert. Auch dieses Gefühl der Scham kenne ich aus der Zeit des Kriegszustandes; schließlich zeigt man sich lieber in Zivil, moderat und offen.