Die Zeit ist günstig: einfach den Kopf in den Nacken legen und ins Geäst schauen, wo die Blätter nur darauf warten loszusegeln. So tun, als ob sie fliegen könnten. Doch schon torkeln sie, trudeln, abwärts in täuschend sanften Spiralen. Aus. Abgestürzt. Das übliche Ende, durchaus auch menschlich, die alte Geschichte, wir erinnern uns doch? Ikarus! Schlagen wir nach:

„Voller Entsetzen starrt er hinab auf die Fluten, und in schrecklicher Angst Nacht ihm die Augen umhüllt/... Fällt und schreit noch im Singen: ‚Ich stürze, Vater, mein Vater!‘ bis seinen gellenden Mund schließt ihm die grünliche Flut.“

Ach, geben wir uns einen Moment der Hoffnung hin, wie es wohl wäre, wenn einmal ein Blatt am Ende nicht abstürzen müßte... Ähnlich sinnierend muß jener Graphikstudent Christian Bartholl ans Werk gegangen sein, als er seine Diplomarbeit konzipierte und dabei eines der schönsten Bücher dieses Herbstes gestaltet hat.

Es ist ein Buch, das auf jeder Seite, in alten Texten und neuen Graphiken, die Geschichte von Ikarus und seinem Vater Daidalos erzählt. Die Geschichte eines verwegenen Forscherdrangs. „Daidalos war von Geburt an ein Athener“, lesen wir (in Diodors historischer Bibliothek): „In der Bildhauerei übertraf er alle Vorgänger ...“ Seine Skulpturen scheinen beseelt zu sein, so verblüfft er die Freunde. Eine hölzerne Kuh baut er, überzieht sie mit Fell und versteckt darin die wollüstige Pasiphae, die Frau des Herrschers Minos. So täuscht er diesen und den Stier. Eines der ersten gentechnischen Experimente. „Sie gebar daraufhin den Asterius, Minotaurus genannt, der das Gesicht eines Ochsen hatte, am übrigen Körper aber wie ein Mensch gestaltet war“, lesen wir (in Apollodors Mythologischer Bibliothek).

Daidalos versucht das Ungeheuerliche wieder verschwinden zu lassen. Er baut ein Labyrinth, so verwirrend, „– kaum konnte er selbst zur Schwelle zurückfinden; so trügerisch ist das Bauwerk!“ (Ovid) Fortan werden jedes Jahr eine Reihe von Frauen auf dem Altar dieses Experiments geopfert. Und als Daidalos selber sich absetzen, wie ein Vogel durch die Luft entschwinden will, da passiert es. Der Absturz. „Doch der unglückliche Vater, nun kein Vater mehr, rief: ‚Icarus! – Icarus‘, rief er, ‚wo bist du, unter welchem Himmelsstrich soll ich dich suchen?‘“

Christian Bartholl hat also ein Buch mit Geschichten dieser Abstürze geschrieben – und dies auf Blättern, die sich erheben und davonfliegen können. Ein Zauberbuch? Ein Drachenbuch.

Der Textteil – Ovid, Lucian, Pausiaras – mündet in eine Bastelanleitung: „Die Wahl des richtigen Materials ist für den Drachenbau entscheidend. Bambusstäbe besitzen genügende Festigkeit ...“ Es wird geschnitzt, gebunden, mit Wachs versiegelt, und dann schlage man von der letzten Buchseite zurück zu den drei ersten: große Bögen Japanpapier, auf denen abstrakte Zeichen jenen tödlichen Flug interpretieren, der zu nahe an die Sonne führte. Sie werden auf dem Rahmen befestigt, und schon schweben sie davon, schreiben die Geschichte der Abstürze, verwegen und wider alle Einsicht, an den Himmel.