Allen Stürmen der technischen Revolution hat der Bleistift getrotzt. Seine Existenz vermochte selbst jener Kugelschreiber, schöne Frucht der Weltraumforschung, nicht zu gefährden, der den Menschen in den Stand setzt, im Zustand der Schwerelosigkeit über Kopf Notizen anzufertigen.

So vermag denn auch jedermann literarische Würdigungen des traditionsreichen Schreibgeräts aus dem vergangenen Jahrhundert ohne Interpretationshilfe durch die Fußnote zu verstehen — wenn zum Beispiel Wilhelm Busch sein Poem "Schnurrdiburr oder Die Bienen" (1869) mit den Zeilen einleitet: O Muse! Reiche mir den Stift, Um den Bleistift ist es allerdings ein wenig einsam geworden, denn so manches Mitglied aus seiner Verwandtschaft hat das Zeitliche gesegnet.

Wer erinnert sich noch des Tintenoder Kopierstiftes, des schlichten, weil stets unlackierten Bruders des Bleistiftes? Er hat sein Dasein in den vierziger Jahren beendet. Auf feuchtem Untergrund schrieb er wie violette Tinte.

Kinder wurden vor ihm gewarnt, er sei giftig: Nicht dran lecken, nicht an die Augen kommen! Seine Blütezeit hatte er im ambulanten Amtsdienst. Quittungen vom Block (mit Durchschlag) wurden bevorzugt von ihm ausgefertigt. Das besorgt heute der Kugelschreiber oder ein transportabler Kleincomputer.

Auch der in seinem Wesen harmlose Drehbleistift mit Anspruch auf Eleganz ist passe. Durch Drehung brachte er die Mine in Schreibfunktion. Dabei brach sie allerdings meistens ab. Vermutlich ist ihm, der in seinen Glanztagen einen festen Platz neben dem Füllfederhalter in der Brusttasche des alerten Zeitgenossen behauptete, die Trennung von Mine und fester Holzhülle nicht so recht bekommen.

Ein beträchtlicher Teil der Bleistiftproduktion (er dürfte bei 20 bis 25 Prozent liegen) bleibt ungenutzt. Dabei ist nicht so sehr an den geheimnisvollen Brauch in der Sowjetunion der Vor Perestrojka Ära zu denken, der für jede konferenzverdächtige Situation eine wohlgeordnete Reihe neuer Bleistifte in angespitztestem Zustand bereithielt, die niemals benutzt wurden.

Vielmehr ist der ordinäre Bleistiftstummel heimischer Provenienz ins Auge zu fassen. Wo bleibt er, der früher mit der ingeniösen Erfindung des Bleistiftverlängerers fast bis zur völligen Erschöpfung seiner Kapazität nützlichen Schreibdienst verrichtete und volkswirtschaftlich beachtlichen Nutzen erbrachte?