Neben all den erregenden Nachrichten aus den deutschen Provinzen (West und Ost) hätten wir kürzlich eine Meldung von Weltrang und globaler Wucht ums Haar übersehen. "260 Pfund! Warum wird Kohl immer dicker?", fragte bangend eine selber auch nicht gerade schlanke Schlagzeile.

Na ja, dachten wir, das Übliche, wie jeden Herbst. Und machten uns schon seufzend auf die ganz und gar unerträglichen Frühjahrsberichte gefaßt, die dann wieder tirilierend von H. Kohls erfolgreicher österreichischer Fastenkur erzählen werden. "Heute nahm der Bundeskanzler seine Amtsgeschäfte wieder auf, gutgelaunt und 15 Pfund leichter..." Es ist jedes Frühjahr dasselbe Lied: Winterbäuche wichen dem Wonnemond.

Doch zurück in den bleiernen, 260 Pfund schweren Herbst. Lustlos, ja gewissermaßen appetitlos lesen wir die üblichen Antworten auf die Frage der Nation. Warum wird Kohl immer dicker? Ganz einfach, weil ihm Juliane Weber immer diese süßen Sachen zusteckt; und weil ihm der Italiener immer diese köstlichen Nudeln hinstellt.

Jaja, das Übliche. Doch dann kommt die Überraschung, wie ein Schlag. Eine Erklärung, die des Kanzlers Leib einbettet (wolln wir mal sagen) in den Mantel der Geschichte. Helmut Kohl ist so dick weil... Weil er in Sorge ist um Deutschland. Weil ihm, so ein "enger Mitarbeiter", "das deutschdeutsche Thema viel tiefer zu schaffen macht, als er nach außen zeigt".

Das könnte die Ausrede des Jahres werden. Der prügelnde Ehemann, der rasende Autofahrer, der lallende Redakteur – sind sie nicht alle in tiefer Sorge um Deutschland und deshalb (sub specie Germaniae) zu entschuldigen? Und wer nicht prügeln, rasen oder lallen kann, dem bleibt ja immer noch die Flucht an den Kühlschrank und in denselben hinein.

In alten, sagenumwobenen Zeiten hat die Sorge um Deutschland Verzweiflung geschaffen, Ängste, Tränen, traurige Lieder. Kurzum: Kultur. Heute sorgt die Sorge nur noch für eine runde Wampe. Anders gesagt: Es ist unmöglich, nach Helmut Kohl noch ein Gedicht zu schreiben.

Oder höchstens dieses: "Denk ich an Deutschland in der Nacht/Der Fleischsalat im Kühlschrank lacht." Wir dichten und berichten weiter. Finis