Europa ist zum entscheidenden Problem Margaret Thatchers geworden

Von Jürgen Krönig

London, Ende Oktober

Fast flehentlich versuchte der Publizist Brian Walden Margaret Thatcher ein kleines Zeichen der Einsicht zu entlocken. Hätte sich ihr Ex-Schatzkanzler Nigel Lawson nicht doch halten lassen? Wäre es, rückblickend, nicht doch ratsam gewesen, mehr Verständnis für Lawson aufzubringen, der so sichtlich genervt war durch ihren allzu freimütigen Wirtschaftsberater Professor Alan Walters (der dann auch zurücktrat)? Margaret Thatcher blieb unerschütterlich: nicht der Hauch eines Zweifels, nicht die geringste Absicht, mit ihrem Kabinett in Zukunft weniger autoritär umzuspringen, vor allem nicht die kleinste Geste von Kompromißbereitschaft gegenüber den EG-Partnern. Die wurden statt dessen mit so feindseligen Worten bedacht, daß gar der Kompromiß des letzten EG-Gipfels in Madrid in Frage gestellt scheint. Damals hatte sich London zu einem prinzipiellen Ja zum Europäischen Währungssystem (EWS) durchgerungen.

Die Premierministerin stand die 45 Minuten des ersten Interviews nach dem offenen Ausbruch der Regierungskrise in einer Haltung durch, die die schlimmsten Befürchtungen vieler Parteifreunde bestätigte. Da saß sie, im dunkelblauen Kostüm, wie immer wohlfrisiert, ein gefrorenes Lächeln im Gesicht, ihr Gegenüber starr fixierend: "Brian, Sie sind verrückt" und "Sie reden Unsinn" ließ sie den bedauernswerten Interviewer, der ihr als glühender Verehrer bekannt ist, wissen, als er anzumerken wagte, daß Finanzmärkte und Londoner City durch den Rücktritt Lawsons verunsichert sein könnten. Manisch wiederholte sie immer und immer wieder die Formel, mit der sie jegliche Differenz mit Lawson über das Europäische Währungssystem leugnete. "Berater beraten, Minister entscheiden." Warum beide in Zukunft weder beraten noch entscheiden wollen, dafür fand sie kein Wort der Erklärung.

Ihr Auftritt sollte die aufgeregten Gemüter der konservativen Regierungspartei beruhigen und demonstrieren, daß sie Führungskraft mit dem allerorts geforderten neuen "Teamgeist" zu vereinbaren verstünde. Statt dessen verstärken sich nur noch die bohrenden Zweifel, die viele Abgeordnete seit geraumer Zeit schon umtreiben. Uneinsichtig, selbstgerecht, den Realitäten entrückt – Margaret Thatcher präsentierte sich in exakt jener Weise, die einen Kolumnisten der Sunday Times feststellen ließ: "Wir leben in einem Land, dessen Premierministerin übergeschnappt ist." Das ganze Ausmaß des Realitätsverlustes und der Isolation der Eisernen Lady kam in der Versicherung zum Ausdruck: "Ich werde so liebenswürdig einsichtig bleiben, wie ich stets gewesen bin." (I am staying my own sweet reasonable self). Was als Versprechen gedacht war, wurde von vielen in ihrer Partei eher als Drohung empfunden.

Denn die Stärken, denen die Tories drei Wahlsiege zu verdanken haben, haben sich mittlerweile allzu augenfällig in Schwächen verwandelt, die den vierten Wahlsieg in immer weitere Ferne rücken lassen. Margaret Thatcher ist nach mehr als zehn Jahren im Zentrum der Macht einsam und schwer angeschlagen, ohne das aber offenbar überhaupt wahrzunehmen. Vielleicht hat es damit zu tun, daß sie nur von wenigen engen Vertrauten und Beratern umgeben ist, die ihr nach dem Mund reden und versichern, alles sei bloß ein Sturm im Wasserglas. Dabei ist sie heute unpopulärer denn je, gerade über zwanzig Prozent sind noch mit ihr zufrieden, über fünfzig Prozent halten ihre antieuropäischen Tiraden für falsch und verlangen, sie möge sofort abtreten.