Von Klaus Modick

Als Plinius der Ältere um 50 nach Christus den Bericht über seine Reise entlang der germanischen Nordseeküste verfaßte, war der gelehrte Mann angesichts eines grandiosen Naturschauspiels zwischen Faszination und offensichtlichem Schaudern hin- und hergerissen: „In großartiger Bewegung ergießt sich dort, zweimal in dem Zeitraum je eines Tages und einer Nacht, das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur um eine Gegend, von der es zweifelhaft ist, ob sie zum Lande oder zum Meer gehört.“

Was den Römer überraschte, war der gewaltige Wechsel zwischen Ebbe und Flut, den er vom Mittelmeer nicht kannte und der dieser Gezeitenküste ihr einzigartiges Gepräge aus Wasser und Watt, Marsch und Moor gegeben hat. Die Gewalt der Gezeiten hat dafür gesorgt, daß keine andere Landschaft Deutschlands während der letzten 2000 Jahre so oft und so dramatisch ihr Gesicht veränderte wie die Nordseeküste. Immer wieder rissen Sturmfluten riesige Landflächen ins Meer; Felder, Wälder, Moore, ja ganze Städte und Dörfer ertranken mit Mann und Maus – und immer wieder versuchte „das beklagenswerte Volk“, sich durch Wurten und Deiche, Siele und Schleusen das Land zurückzuerobern.

Daß alle Flüsse ins Meer münden, ist eine Binsenweisheit; daß aber ein Fluß seinen Ursprung im Meer hat, vom Meer überhaupt erst zum Fluß gemacht wurde, dürfte durchaus eine Spezialität der Norddeutschen Tiefebene sein – und zwar dort, wo sie am tiefsten ist. Das Flüßchen Jade, das heute in der Nähe der Stadt Varel ins Meer mündet, ist jedenfalls so entstanden. Am plattdeutschen Strand geht auch knapp 2000 Jahre nach Plinius noch manches einen ganz anderen Gang.

Wo Bohnensuppe nicht aus Bohnen, sondern aus in Ruin eingelegten Rosinen besteht, wo Milchwirtschaft auf Flächen betrieben wird, über denen vor hundert Jahren noch Wellen wogten und Fischer auf Heringsfang fuhren, wo umgekehrt aber heute die trübgrauen Wasser des Jadebusens über Stellen fluten, an denen vor einem halben Jahrhundert blühende Dörfer standen – dort traut man es auch einem Fluß zu, nicht aus der Quelle, sondern aus dem Meer gekommen zu sein. Auf der Suche nach dem Punkt, an dem die Jade ihren Anfang nimmt, darf man sich daher auch nicht auf Karten verlassen: Die melden da allerhand Widersprüchliches. Es empfiehlt sich vielmehr, dort anzufangen, wo die Jade heute endet. Denn dort hat sie, historisch, geologisch und geographisch, auch ihren Anfang genommen.

„Es stürmte, donnerte und blitzte. Das Seewasser stieg so hoch, daß es über die Deiche ging, und viele Menschen und Beester ertranken.“ In dürren Worten berichtet ein Chronist über die katastrophale Clemensflut im Jahre 1334, die nordöstlich des heutigen Küstendorfs Dangast den Deich durchbrach. Mit unvorstellbarer Gewalt drückten die Wassermassen fast vierzig Kilometer landeinwärts, bis etwa auf die Höhe der Stadt Rastede. Ganze Moore und Wälder wurden weggeschwemmt.

Die Clemensflut hinterließ im Gebiet des Jadebusens riesige Einbrüche – einer war die sogenannte Friesische Balge, eine flache Bucht, die fast zwanzig Kilometer ins Land reichte. Waren bis dahin alle Flüsse und Bäche der Region ostwärts gezogen, um in die Weser zu münden, so hatte der Nordsee-Einbruch in Form der Friesischen Balge nun ihre Betten unterbrochen. Die Rasteder Bäke, die Hahner Bäke und die Wapel, heute Quell- und Zuflüsse der Jade, mündeten damals direkt in diese Nordseebucht. Sie war freilich nichts weiter als ein breiter Priel, in dem bei Ebbe das Brackwasser trübe stand, das bei Flut allerdings fast bis auf Höhe Rastedes schiffbar war. Im Lauf der Jahre verlandete der südliche Teil dieser schmalen Bucht, in die von Norden das „solde Water“ der See, von Süden und Westen das „söte Water“ der Bäche drang: Die Friesische Balge wurde gewissermaßen zum Ur-Bett des heutigen Jadebetts.