Die deutschen katholischen Bischöfe werden am 13. 14. November im Vatikan zu Gast sein. Sie werden über das Uraltthema Empfängnisverhütung debattieren. Und über ein vergleichsweise neues Ärgernis. Es trägt den Namen Eugen Drewermann. Zweien der Anreisenden wird der Name dieses katholischen Priesters, Psychotherapeuten und Dozenten an der Katholischen Theologischen Fakultät in Paderborn besonders schrill im Ohr klingen: dem Bischof von Rottenburg, der bereits in seiner Zeit als Theologieprofessor in Tübingen nach Kräften gegen die Thesen des Kollegen gestritten hatte, und dem Erzbischof von Paderborn, in dessen Stadt Drewermann bis heute Zutritt zu Kanzel und Katheder hat. Weder Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt noch Bischof Walter Kasper müssen sich vorwerfen lassen, nicht alles versucht zu haben, um Drewermanns Kreise zu stören.

Genützt hat es wenig. Eugen Drewermann ist heute nicht nur der am meisten umstrittene, sondern auch der meistgefragte und gelesene katholische Theologe im deutschen Sprachraum. Der Verkauf seiner Bücher erreicht Mal um Mal Rekordmarken.

Die kirchliche Abwehr war anfangs nicht geschlossen. Während die Deutsche Bischofskonferenz schon 1987 88 ein Dossier gegen Drewermann gefertigt hatte (DIE ZEIT 531987; 32 1988), kamen aus Rom irritierend verständnisvolle Töne. Josef Kardinal Ratzinger, als Glaubenspräfekt im Vatikan Wahrer des lebendigen Erbes der Inquisition, im Juni 1988: "Psychoanalyse in Theologie und auch in Schriftauslegung zu integrieren ist in sich etwas Sinnvolles. Und ich glaube, daß Drewermann diesen Erfolg nicht hätte, wenn nicht der Exegese etwas fehlen würde "

Da waren Ratzingers Vor Leser offensichtlich noch nicht bis zu Drewermanns Kommentar des Markus Evangeliums vorgestoßen (was man ihnen zu allerletzt zum Vorwurf machen darf, denn Drewermann schreibt einfach schneller, als Rezensenten lesen). Ein Jahr später indes, im Spätsommer 1989 und mitten bei der Lektüre des ersten Bandes, reichte es dann — ungeachtet noch ungelesener 796 Seiten des zweiten Kommentarteils. Demarchen zwischen Rom ind Paderborn drängen jetzt darauf, dem Treiben Drewermanns ein Ende zu setzen.

Man hört es sickern: Ein Lehr- und Predigtverbot werde vorbereitet, demnächst in Rom. Eine Petition von rund 100 Theologieprofessoren und 3000 Laien verlangt — wenn schon — ein Verfahren im Licht der Öffentlichkeit, nach den vor aller Öffentlichkeit vorgenommenen Eingriffen in das laufende Verfahren der Kölner Bischofswahl ein Begehren von taubenhafter Unschuld.

Und Drewermann? Er beklagt zwar, daß er von den gegen ihn gerichteten Maßnahmen erst aus morgendlichen Funkmagazinen erfahre, sein jüngstes Werk aber hat er nach Plan abgeschlossen. Nach der Vorstellung vor der Presse in Bonn am Reformationstag soll es vom 6. November an in den Buchhandlungen ausliegen: "Kleriker — Psychogramm eines Ideals" (Walter Verlag, Heitersheim, 900 Seiten, 88 Mark).

Es dürfte, da ist kaum prophetische Gabe vonnöten, das letzte Buch sein, das Drewermann als amtierender Priester veröffentlicht. Denn mit den "Klerikern" unterzieht er nicht nur Vater, Sohn und Heiligen Geist und sämtliche nachgeordneten Fixpunkte der Theologie einer Neuinterpretation mit Hilfe der Tiefenpsychologie — das hatte man ihm bislang noch durchgehen lassen; mit dem neuen Buch bricht er in den Cordon sanitaire der Kirche ein. Er richtet das Instrumentarium der Psychoanalyse nun nicht mehr nur auf den Überbau, sondern direkt gegen das Personal der Institution. Damit verletzt er das einzige noch verbliebene Tabu der katholischen Kirche.