Von Janusz Tycner

HAMBURG. – Man lebt in Warschau, schreibt des öfteren für polnische Leser über Deutsches aus Ost und West, meint über das westliche Deutschland gut informiert zu sein, kommt einmal im Jahr in die Bundesrepublik und merkt plötzlich, daß angelesenes Wissen ziemlich deutschlandfremd sein kann. Aber was Wunder, in der Ferne ist man eben nicht immer in der Lage, alles richtig einzuordnen. Und man betrachtet einiges von dem, worüber berichtet wird, eher skeptisch – nicht zuletzt aus der Erfahrung, daß sich in der Vergangenheit so manche mit Spannung verfolgte bundesdeutsche Diskussion sehr bald in nichts auflöste.

So schien mir aus der Warschauer Sicht Hans-Dietrich Genschers Äußerung, man solle die EG offenhalten für einen Beitritt Ungarns – wie überhaupt für alle osteuropäischen Länder, die die Demokratie einführen – keiner großen Aufregung wert.

Gut, Europa braucht eine Vision für das nächste Jahrhundert. Die Vorstellung, demnächst als Pole mit einem weinroten Europa-Paß in der Tasche mühelos, ohne Anträge und wochenlanges Warten auf Visa, westeuropäische Grenzen zu überwinden, erschien mir genauso verlockend wie unrealistisch. In der Tat blieb Genschers Aufforderung in Polen so gut wie ohne Widerhall.

Anders in der Bundesrepublik. Schon am ersten Tag nach meiner Ankunft wurde ich Zeuge einer Diskussion, die geführt wurde, als stehe der EG-Beitritt Polens kurz bevor. Dann las ich Zeitungsartikel, in denen zu Recht darauf hingewiesen wurde, die EG werde scheitern, wenn sie alle vier bis fünf Jahre neue Mitglieder aufnimmt. Wo kommen wir denn hin – so der Tenor – wenn die Türkei, Österreich, Osteuropa, vielleicht sogar Marokko der EG beitreten?

Mittlerweile hat Genscher seine Aussage korrigiert, die Aufnahme Polens und Ungarns in die Gemeinschaft ins nächste Jahrhundert verschoben. Dennoch ist immer noch eine gewisse Besorgnis zu spüren, die EG könnte in Bedrängnis geraten, wenn immer ärmere Anwärter auf die Mitgliedschaft an ihre Pforten klopfen sollten.