Rolf Tiedemann hat in seinem Buch „Die Abrechnung. Walter Benjamin und sein Ve-leger“ eine Geschichte erzählt, deren wesentlichen Inhalt man in zwei Sätzen wiedergeben kann: Der Verleger Siegfried Unseld hat sich Rechte über das von ihm verlegte Werk Walter Benjamins angemaßt ohne zureichende vertragliche Legitimierung, und er hat die Erben Walter Benjamins um Honorare betrogen. Diese Geschichte hat der Spiegel nacherzählt. Ulrich Greiner findet die Geschichte auch nicht ganz uninteressant, möchte sie aber in der ZEIT anders erzählen. Bei ihm lautet die Geschichte so: In Hamburg lebt ein Mensch, der ist erstens „Millionenerbe“, und zweitens hat er einen Spleen: Er „liebt es, der Rächer der Gerechten zu sein. Er ist ein Philanthrop, der in Verlegern geldgierige Haie wittert.“ Und da hat er sich nun den dicksten Hai vornehmen wollen, Siegfried Unseld, und weil er zufällig das Theodor W. Adorno Archiv finanziert, das seit 1985 die Editionsarbeiten an den bei Suhrkamp verlegten Adorno- und Benjamin-Ausgaben durchführt, hat er Rolf Tiedemann, den Direktor des Theodor W. Adorno Archivs, angestiftet, Unseld Ungelegenheiten zu bereiten, denn: „Nur mit Benjamin war Unseld an den Karren zu fahren.“

Lassen wir mal beiseite, wie plausibel sich so eine Geschichte in der ZEIT liest (in der Bunten Illustrierten wäre es was anderes gewesen, oder nicht?) – was eigentlich findet Greiner an der ersten Geschichte unwahrscheinlich? Hält er Unseld für einen Ehrenmann? Nein, er sagt nur, Unseld sei ein „guter Verleger“, aber das hat ja niemand bestritten, die Frage ist nur, ob er ein ehrlicher st. Und Greiner lobt, daß Unseld „den Profit in das nächste Projekt (...) und nicht in die eigene Tasche steckt“, was sich zwingend schon aus der Tatsache ergibt, daß es den Suhrkamp Verlag ncch gibt, der wie jedes Unternehmen ohne die Reinvestition von Gewinnen keines mehr wäre. Merkwürdig findet Greiner, daß Tiedemann zu einem Zeitpunkt, an dem er bereits von dem Betrug gewußt hat, noch „das letzte satzfertige Manuskrpt für die Benjamin-Ausgabe ablieferte“. Das ist nicht merkwürdig, denn es geht ja nicht darum, die Benjamin-Ausgabe nicht oder nicht mehr bei Suhrkamp erscheinen zu lassen, sondern nur darum, diesen Sachverhalt rechtlich abzusichern und den Verleger dazu zu bringen, die Erben Benjamins angemessen zu honorieren. Und es geht darum, einen Betrug einen Betrug zu nennen.

Warum, fragt Greiner weiter, hat Tiedemann nicht früher auf seine Rechte als Mitglied des Gremiums „Nachlaßvollmacht Walter Benjamin“ gepocht? Nun, weil er im Glauben gehalten worden ist, das Gremium habe, weil mit dem 1972 verstorbenen Sohn Walter Benjamins, Stefan, ein Generalvertrag abgeschlossen worden sei, ohnehin keine Rechte mehr. Nun liest man bei Greiner, Unseld bestreite, es habe einen solchen Generalvertrag je gegeben, und er habe auch nie behauptet, daß es einen gegeben habe, denn Stefan Benjamin habe seiner Witwe und seinen Töchtern „alle Urheberrechte zugesprochen“. Das aber hätte Unseld nicht erzählen sollen, denn, wie es in Tiedemanns Buch steht und belegt wird, hat er am 25. 2. 1976 seine Rechtsabteilung belehrt: „Wir haben ohnehin durch die Benjamin-Nachlaßverwaltung alle Verlagsrechte, so daß wir keine gesonderten Verträge brauchen.“ Diesem Gremium bestreiten Unselds Anwälte aber genau jene rechtliche Kompetenz, die Tiedemann, durch Interna des Hauses Suhrkamp belehrt, jetzt einklagt. So oder so oder so hat Unseld also gelogen.

Schließlich wundert sich Greiner, daß Tiedemann die Geschichte von Walter Benjamin und seinem Verleger erst heute erzählt. Zwar weiß Greiner, warum: Daß ein Betrug vorliegt, hat Tiedemann erst erfahren, als ihm aus dem Suhrkamp Verlag Unterlagen zugespielt worden sind. „Kann sein“ schreibt Greiner, aber ich versichere ihm: Es ist so. Und ein Blick in das Buch könnte ihn auch lehren, daß die zitierten und faksimilierten Dokumente solche sind, die nicht schon seit Jahren in der Tiedemannschen Privatkorrespondenz liegen.

Das alles kann es also nicht sein, das Greiner dazu bringt, gerne eine andere Geschichte erzählen zu wollen, eine, die nicht von Betrug redet, sondern von einem skurrilen Hamburger Philanthropen und „Rächer der Gerechten“, der gerne Verlegern „an den Karren fährt“.

„Ungewöhnlich war die Aufregung“, schreibt Greiner. „Daß Verleger mogeln oder gar betrügen, kommt leider nicht selten vor“, und ein „nicht unbekannter Verleger“ habe ihm gestanden, seinen Laden „sofort zumachen“ zu müssen, wenn er alle „Beteiligten fair und gerecht bezahlen wolle“. Und schließlich führt Greiner die Süddeutsche Zeitung an mit der Meinung, alle Verleger hauten Autoren übers Ohr, und eine Sensation sei es allenfalls, wenn Unseld „eine Ausnahme“ mache, also kein Betrüger sei.

Aber nun muß ich den Ton wechseln und Sie direkt fragen, lieber Herr Greiner, der Sie mir freundlicherweise Raum zur Replik geben: Wer eigentlich hat die schlechtere Meinung von Verlegern? Ich, der ich hier einen Betrug einen Betrug nenne, Tiedemann, der Unseld eben nicht unterstellt hat, er betrüge sowieso, und deshalb erst jetzt seine Geschichte erzählt, oder Sie, der Sie sagen: Was heißt schon Betrug, macht doch jeder, nicht der Rede wert? Und, Herr Greiner, finden Sie es wirklich seltsam und einer besonderen Erwähnung wert, daß jemand, der von einem Betrug erfährt, darüber nicht achselzuckend zur Tagesordnung übergeht? Ist Ihrer Meinung nach die Tatsache wirklich nur noch Gegenstand eines ironischen Neben-Satzes, daß die Erben eines Mannes, der sich auf der Flucht vor den Deutschen das Leben genommen hat, von einem deutschen Verleger betrogen werden? Wenn es künftig als skurril gelten sollte, sich dem moralischen Analphabetismus eines Literaturbetriebes, wie Sie ihn schildern, nicht anzuschließen, so ziehe ich die Rolle eines diesbezüglichen Sonderlings vor. (Aber passen Sie auf, daß die von Ihnen tolerierten Maßstäbe nicht auf Ihre Gehaltsabrechnung angewendet werden.)