Von Wolfgang Wiese

Nach dem Start in Algier schlug der Blitz ein. Der Lichtball zuckte gleißend am linken Triebwerk entlang bis zur Turbinenspitze, sprang über die Tragfläche und hinterließ eine schwarze Schmauchspur quer über dem Flügel. Der Donner war kurz und klang metallisch hell. Gleich darauf knallte es ein zweites Mal. Die Boeing sackte ab, trudelte, stieg wieder nach oben.

Es kommt mir ungewollt über die Lippen, und ich beziehe die algerischen Soldaten und die stummen, vermummten Tuaregs um mich herum gleich mit ein: „Das war unser Leben.“ Doch die Maschine fliegt, fällt nicht, gewinnt an Höhe. Natürlich, ein Faradayscher Käfig.

Aus meinem Schlafsack, der am Boden liegt, ziehe ich vorsichtig eine Whiskyflasche heraus. Keiner soll sie sehen. Verstohlen nehme ich einen kräftigen Schluck.

Südlich des Atlasgebirges reißt der Himmel auf und gibt den Blick frei auf das rötliche Dünenmeer des Erg Oriantal. Große Sterndünen, eine schnurgerade Straße als schwarzer Strich, glänzende Pipelines und Tanklager als winzige Punkte.

Wir landen in Djanet, der südlichsten Oase Algeriens. Ein warmer Wind schlägt uns entgegen. Der Himmel strahlt in wolkenlosem Blau. Rainer, der Organisator der Wüstentour, gebräunt und kräftig, und Cheikh, der schlanke, hochgewachsene Tuareg, erwarten uns. Zwischen Benzinkanistern und Brennholzstapeln wird unser Gepäck auf den Dächern von zwei Landcruisern vertäut. Am hinteren Wagenfenster hängt eine Gerba, ein Ziegenbalg. Cheikh öffnet ihn und bietet uns den ersten Schluck kühlen Wassers an. Fünf Frauen und drei Männer sind zusammengekommen, um sich für zwei Wochen in die Wüste zu begeben. „Tickli-Tick“ auf Tamaseheh, der Sprache der Tuareg heißt „los geht’s“.

Sahara. Der Name ist vieldeutig. Er kann übersetzt werden mit „gelblich-rot“, aber auch mit „unfruchtbar“ oder einfach mit der Bedeutung „das Nichts“.