Von Reiner Luyken

Namibia, Ende Oktober

Eine Niederlage bei der Wahl? Völlig ausgeschlossen. Undenkbar! Der Gedanke erscheint Abraham Ndungo geradezu abstrus. "Wir müssen gewinnen", erklärt er eindringlich, "koste es, was es wolle." Abraham Ndungo ist Anhänger der Swapo – ein Anhänger mit Herz und Seele. Er hat seine Politik im Exil gelernt, auf Swapo-Schulungen in Angola. Er hat ein Notizbuch vor sich liegen, das er mit politischen Traktaten füllt. Wenn Kundschaft kommt, legt er sein Buch beiseite und macht Eintragungen in eine große Liste.

Kundschaft ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ndungo verwaltet eine Lebensmittelausgabestelle im Ovamboland im Norden Namibias. Über 40 000 Namibier flohen während des 23jährigen Unabhängigkeitskrieges nach Angola. Nun kehren sie wieder heim. Die Vereinten Nationen organisierten den großen Treck mit Flugzeugen, Lastwagen und Bussen. Jeder Heimkehrer bekommt eine Lebensmittelkarte. Eine Ration besteht aus einem Sack Reis, einer Tüte Bohnen, drei Büchsen Ölsardinen, Zucker, Tee und einem Liter Speiseöl. Niemand muß hungern.

Die Heimkehrer sehen sich als die Sieger des Krieges. "Wir waren es, die gegen Kolonialismus und Unterdrückung mit den Waffen gekämpft haben", sagt Abraham Ndungo. "Deshalb haben wir Anspruch auf die Macht. Wir repräsentieren die Interessen der Namibier – aller Namibier." Wenn er von einem Wahlsieg redet, meint er eine Zweidrittelmehrheit. Nach der Wahl im November wird eine konstituierende Versammlung eine Verfassung für das unabhängige Namibia mit Zweidrittelmehrheiten verabschieden.

Außer eingefleischten Swapo-Anhängern glaubt freilich kaum jemand, daß die Partei das gesteckte Ziel erreichen wird. Manche ihrer Sympathisanten wünschen das auch gar nicht – aus ganz praktischen Erwägungen.

"Wenn Sie meine persönliche Meinung hören wollen", erklärt etwa Pater Knuf, der Leiter einer katholischen Missionsstation, die während des Krieges als Ziehgrund für den Swapo-Nachwuchs galt: "Swapo muß lernen, Kompromisse zu schließen. Nach der Unabhängigkeit werden die Lebensbedingungen erst einmal schlechter statt besser. Das ist unausweichlich. Die Erwartungen sind im Augenblick viel zu hoch gesteckt."