Wenn die Prämisse zutrifft, unter die Ulrich Greiner diese Umfrage gestellt hat, wenn also „die Geschichte des Sozialismus ... auch die Geschichte der Intellektuellen in diesem Jahrhundert“ sein wollte – und was spräche gegen diese Behauptung? –, wenn wir weiterhin annehmen dürfen, daß bis jetzt eine repräsentative Auswahl von solchen Intellektuellen geantwortet hat, dann sind deren Antworten, um ein mildes Wort zu gebrauchen, ziemlich ernüchternd ausgefallen. Der vorherrschende Ton: gelassen bis besonnen. Die Argumentationslinien: erstaunlich parallel. Man tut ihnen wenig Gewalt an, wenn man sie kurzerhand vereinfacht auf drei Grundtrends.

Im ersten wird behauptet: Das haben wir alles immer schon kommen sehen, und zwar aus diesen und jenen Gründen.

Im zweiten wird beteuert: Verloren mag der Sozialismus zwar für den Augenblick und in der politischen Realität sein, doch als Modell humaner Ansprüche und Hoffnungen muß er / wird er überdauern.

Im dritten wird dann allerdings prophezeit: Falls unsere sozialistischen Vorstellungen tatsächlich für immer gescheitert sein sollten, dann wird mit ihnen die Welt untergehen.

Neu oder neugierig wird man keines dieser drei Argumentationsmuster nennen können. Auch ein, je nach Standort, Entzücken oder Entsetzen über den real verendenden Sozialismus ist nur in wenigen Antworten und immer nur augenblicksweise durchgeschlagen. Aber dieser Gesellschaftsentwurf war doch in unseren Visionen bis eben noch tatsächlich ein Riesenspielzeug oder Racheengel, ein welthistorischer Exerzierplatz, ein Hochaltar oder eine Folterkammer. Kann, darf das alles sich so besonnen auflösen in Argumentationsketten, denen man eher die Geläufigkeit lange eingeübter Gedankengänge als die Spuren eines traumatischen Schocks anmerkt?

Man könnte, als Gegenprobe, die Alternativsituation simulieren. Angesichts des erdrutschartigen Erfolgs der United Communist Party bei den amerikanischen Kongreß- und Senatswahlen erkundigt sich die ZEIT bei allen noch erreichbaren Intellektuellen nach deren Perspektiven für eine Welt ohne Kapitalismus und parlamentarische Demokratie. Was würden da Hermann Kant und Melvin Lasky, Karl Popper, Solschenizyn, Elfriede Jelinek oder Reiner Kunze wohl antworten? Die einen, daß sie es immer haben kommen sehen, die anderen, daß die Idee der Freiheit unsterblich bleibt, und eine dritte Gruppe, daß nun der Archipel Gulag sich ausdehnen wird von Grönland bis Tasmanien.

Anders als so, mit selbstzufriedener Genugtuung, mit verzweifelten oder larmoyanten Trostkonstruktionen oder eschatologischen finis-mundi-Entwürfen, kann offenbar auf den Zusammenbruch von derart übermächtigen Weltmodellen nicht reagiert werden. Das wäre eine mögliche Erklärung. Mir scheint sie formal und matt.