Von Manfred Seiler

Augsburg ist eine widersprüchliche Stadt. Eine Stadt ohne Image und dennoch eine Stadt mit einem unverwechselbaren Charakter. Nur sechzig Kilometer liegt Augsburg von München entfernt. Doch dazwischen liegen Welten. In Augsburg leistet man sich noch Schildbürgerstreiche: Das jahrelange, verschämte Totschweigen Bert Brechts, die lachhafte Empörung über Thomas Bernhards Ausspruch „Lechkloake“, die Aufregung um Werner Schroeters „Weißwurstbömbchen“. Doch Augsburg ist keine Kleinstadt in der Wüste der Provinz, auch wenn es sich immer wieder so darstellt. Augsburg ist ein nicht unbedeutender Wirtschaftsraum (nach München und Nürnberg der wichtigste in Bayern). Der Großraum beherbergt etwa 500 000 Einwohner, die Stadt selbst rund 250 000. Davon nahmen an der Europawahl 106 000 teil (60,1 Prozent). 19,6 Prozent von ihnen wählten Republikaner und bescherten Schönhubers Partei den größten Wahlerfolg in einer Großstadt. Ausgerechnet in Augsburg, das viele Jahre als die letzte „rote Bastion“ Südbayerns (F.J. Strauß) galt. Augsburg hatte wieder seine negative Schlagzeile. „Die Hauptstadt der Bewegung“ (taz).

*

Augsburg ist laut ADAC wegen seines erhaltenen, historischen Charakters eine sehenswerte Stadt. Auf Besucher aus dem Norden wirkt sie wegen ihrer Renaissance-Bauten (etwa das Rathaus) und der verwinkelten Altstadt, durch die unzählige, schmale Lechkanäle fließen, fast schon wie eine italienische Stadt. Das ist noch nicht allzu lange so. Bis vor zehn Jahren traf der Ausspruch „Lechkloake“ für die Altstadt durchaus zu. In halbverfallenen Häusern lebten vorwiegend Türken und Studenten, die den billigen Wohnraum nutzten. Dann entschloß man sich, zur 2000-Jahr-Feier die Altstadt zu sanieren. Die Stadt verkaufte die verschachtelten, mittelalterlichen Handwerkshäuser an Privatpersonen.

Inzwischen ist die Altstadt zu einem Schmuckkästchen geworden, mit ruhigen Innenhöfen, mit uneinsehbaren Gärten, mit individuellen Wohnungen. Eine vorbildliche Sanierung, kein Zweifel. Die kleinen Naturkost- und Kräutergeschäfte florieren, ebenso der Dritte-Welt-Laden und der Tee-Laden; das Frauenzentrum ist in der Altstadt, das Studentenzentrum und das Bürgerzentrum, das Programmkino, das Stadtkino und das Kleine Schauspielhaus der Städtischen Bühnen.

Alle stadtischen Aktivitäten finden in dieser Insel der Glücklichen statt. Das Bürgerfest und das Brunnenfest, die Kinderkulturwoche und „La Piazza“, ein Festival im Zirkuszelt für freie Gruppen. In der Altstadt hat die linksliberale, grünpluralistische, emanzipiert-feministische, psychologisch-theosophische Weltanschauung ihre behördliche Weihe erfahren.

In Augsburg war die alternative Szene nie das, was sie in anderen Städten war und ist. Man hat hier keine Häuser besetzt und nicht mit Stahlzwillen auf Bereitschaftspolizisten geschossen. Im Grunde war man nicht viel mehr als eine moderne Form der Gartenzwergbewegung. Und heute ist man nicht einmal mehr das. Aus den Zielen wurden Positionen. Aus dem grünen SPD-Jungpolitiker wurde der Geschäftsführer eines öffentlichen Nahverkehrsunternehmens. Aus dem radikalen Maoisten der persönliche Referent des Oberbürgermeisterkandidaten. Aus dem Streetworker der Leiter des Bürgerzentrums, aus der engagierten Journalistin mit dem Fachgebiet „Architektur“ die Frauenbeauftragte