Um durchschnittlich 45 Prozent sind seit Jahresbeginn die offenen Badekuren zurückgegangen. Der Grund – das Gesundheitsreformgesetz. Auf dem Deutschen Bädertag wurde ein deutliches Bekenntnis der Bundesregierung zum Wert der Kur gefordert.

Das Lamento aus Verdis „Nabucco“-Ouvertüre und der „Carmen“-Marsch „Auf in den Kampf“, dargeboten vom Kurorchester, umrahmten musikalisch die Eröffnung des 85. Deutschen Bädertags in Bad Wörishofen. Programm-Musik? Anlaß zum Lamentieren gab den Kurdirektoren der drastische Rückgang der offenen Badekuren im letzten Dreivierteljahr – ein Minus von etwa 45 Prozent wurde errechnet, um circa 50 Prozent sank der Umsatz bei den Kurmitteln, seit durch das Gesundheitsreformgesetz die Kurgäste noch kräftiger aus der eigenen Tasche zahlen müssen.

Etwa die Hälfte der Kuren in deutschen Heilbädern sind offene, seit Januar „ambulant“ genannte, Badekuren. Zahlten früher die Kassen alle Anwendungen, die Kurtaxe und einen Zuschuß zu Aufenthalt und Anreise, gibt es nun nur noch fünfzehn Mark pro Tag für Übernachtung und Verpflegung, muß die Kurtaxe bezahlt werden und sind überdies zehn Prozent der Anwendungskosten zu übernehmen. Eine dreiwöchige Kur im Urlaub summiert sich jetzt auf 1500 bis 2000 Mark und mehr. Die Zahl der ambulanten Kuren sank, laut Angaben des Bäderverbands, um 240 000 (bei insgesamt rund 800 000 im Jahr), vor allem mittelständische Betriebe kamen in Schwierigkeiten, die Angestellten in den Kurmittelhäusern mußten zeitweise Däumchen drehen.

Allein für Schleswig-Holstein sieht die Hochrechnung so aus: 51 Prozent Rückgang bei den Kuren, folglich vorsichtig geschätzte 100 Millionen Mark weniger Umsatz, 1500 bedrohte Arbeitsplätze vor allem in strukturschwachen Gebieten, die vornehmlich von Kur und Fremdenverkehr leben.

Schuld an der Misere trägt nicht nur das Gesetz, sondern auch die mangelnde Kenntnis, wie man nach den neuen Paragraphen zu einer Kur und den finanziellen Mitteln dazu kommt. Heftig wehrte sich der Bäderverband gegen den Vorwurf, selbst zur Verunsicherung der Versicherten beigetragen zu haben. Man befürchtet einen Trend zu stationären Kuren. Die werden wie bisher, mit Ausnahme eines Eigenanteils von 250 Mark, von den Versicherungsträgern finanziert. Damit würde allerdings das Ziel der Gesundheitsreform, Kosten zu sparen, unterlaufen.

Um die „ambulante Badekur in ihrer Bedeutung für Prävention, Rehabilitation und Besserung bei chronischen Krankheiten zu erhalten“, wenden sich die Repräsentanten der Heilbäder und Kurorte in einer einstimmig angenommenen Resolution an Regierung und Krankenkassenverbände. Sie fordern, den Zugang zu den Kuren wieder wesentlich zu verbessern, den Gruppen mit weniger Einkommen durch eine bessere Härteregelung entgegenzukommen, intensiver über die Kuren aufzuklären und den Verband bei der Grundlagenforschung zu unterstützen.

Die Kurerfolgsforschung hat sich der Bäderverband jetzt verstärkt zur Aufgabe gemacht, um den Sinn einer ambulanten Badekur wissenschaftlich zu untermauern. 100 000 Mark wurden bereits in die Förderung eines Pilotprojekts investiert, durch das ein geeignetes Forschungskonzept gefunden werden soll.

Weitere Probleme stehen allerdings auch für die Zukunft an. Noch schwebt, so der neue Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Uwe J. Wachendorf, das „Damoklesschwert“ des Paragraphen 34 (durch den die Abgabe von Kurmitteln eingeschränkt werden kann) über den Bädern. Und schließlich werden von 1993 an im europäischen Binnenmarkt auch Frankreich und Italien zum Beispiel den deutschen Kurgast umwerben. put