Von Horst Bieber

Alle wollen die Umwelt retten, doch keiner scheint zu wissen, wie. Die gegenwärtige Praxis in Gesetzgebung und Verwaltung ist offenbar nicht geeignet, die wachsende Belastung zu bremsen (Reinhard Merkel in der ZEIT Nr. 43). Das Instrument des Strafrechts kann unter diesen Umständen ebenfalls nicht greifen, im Gegenteil, es behindert und verhindert sogar Korrekturen (Rainer Hamm in der ZEIT Nr. 44). Zweifellos hat die Umweltpolitik der vergangenen zwanzig Jahre auf bestimmten Gebieten einiges erreicht. Aber ein Blick auf ihre Ergebnisse insgesamt verfestigt doch den Eindruck, daß immer wieder Löcher gestopft und dabei andere aufgerissen werden. Und spätestens seit der ernst zu nehmenden Warnung, wir könnten auf eine Klimakatastrophe zusteuern, wachsen die Zweifel, ob die weltweit praktizierte Umweltpolitik nicht auf einem grandiosen Irrtum beruht.

Diese Zweifel sind weder neu noch originell. Neu ist allenfalls, daß sie aus dem Zirkel der Theoretiker gelegentlich Eingang in die politische Debatte finden, obschon die Behauptung, zweihundert Jahre Industrialisierung und Einsatz fossiler Energie seien die Ursache der Umweltprobleme, noch immer die prompte Gegenreaktion provoziert: Systemveränderer! Kienspan-Romantiker! Bestenfalls: Träumer!

Über Jahrhunderte haben die Menschen lernen müssen, mit der und nicht gegen die Natur zu leben. Die Natur, die Umwelt, setzte ihnen harte Grenzen, beschränkte ihren Wirkungskreis und ihre Möglichkeiten. Der Mensch konnte verzehren und verbrauchen, was ihm jährlich durch die Natur – und damit durch die Sonnenenergie – zuwuchs. Er konnte, mit erbärmlich schlechtem Wirkungsgrad, natürliche Kräfte nutzen, also Windmühlen, Wasserhämmer oder Segelschiffe einsetzen. Er konnte bestimmte Arbeiten, die seine körperlichen Kräfte überstiegen, mit Hilfe von Tieren erledigen, aber auch der Einsatz von Pferd oder Esel war davon abhängig, daß die Natur – abstrakt gesprochen – die nötige Energie in Form von Futter bereitstellte. Der Mensch konnte gegen dieses natürliche Gleichgewicht verstoßen (darin war er schon immer groß), aber die Bestrafung erfolgte, wenn auch nicht auf dem Fuße, so doch unerbittlich. Die Römer haben die nordafrikanische Kornkammer ruiniert und Wüste hinterlassen. Die Spanier holzten ihre Hochflächen-Wälder für den Schiffsbau ab: Die Folgen sind noch heute zu spüren.

Dieses Leben in den natürlichen Grenzen war alles andere als idyllisch, es war nicht einmal (überlebens-)sicher. Dürren oder harte Winter, Überschwemmungen oder Hitzeperioden drohten immer auf die Lebensgrundlagen durchzuschlagen. Aber es war ein angepaßtes Leben.

Von diesen Beschränkungen hat sich der Mensch durch zwei eng miteinander verknüpfte Entwicklungen befreit. Er lernte, fossile Energie zu verwenden (Kohle, später Erdöl und Erdgas), und er schuf sich mit der Technik ein Instrument, das mehr leistete, als er vermochte.

Seit dieser Zeit beutet der Mensch die Umwelt fröhlich aus – mit Hilfe der endlichen Energie und der von dieser Energie "angetriebenen" Technik. Scheinbar befreit von den lästigen Schranken einer launischen Natur, wirtschaftet er aus dem vollen und registriert gleichzeitig seit Beginn dieses industriellen Tuns, daß er sich damit neue Probleme bereitet, von verschmutzten Flüssen über schädliche Abgase bis zu störendem Lärm und neuartigen Krankheiten. Die "Umweltdebatte" ist so alt wie die Industrialisierung, wenn sie auch erst in der Nachkriegszeit zu einem öffentlichen Thema wurde. Und weil diese Debatte im Gefolge der Technik entstand und sich mit den Folgen auseinandersetzte, baute sie in naheliegender Konsequenz darauf, die Schäden der Technik durch Technik zu heilen. Der "technische Umweltschutz", den alle Industrienationen heute betreiben, ist fast zweihundert Jahre alt. Und Irrtümer, die sich so lange halten konnten, besitzen ein zähes Leben.