Von Sibylle Cramer

Am Abend des 20. Juni 1906 kommt es zur denkwürdigen Begegnung zwischen Phyllis Hibbert und Sylvia Tristram im Haus der Tristram-Schwestern in Bloomsbury. Die Tristrams haben ihre Freunde um sich versammelt. Man sitzt auf dem Fußboden und redet sachkundig und ziemlich hitzig über Bilder. Es ist eine Kontroverse über technische Fragen der Malerei. Man streitet sich, denn man meint, was man sagt. Das konstatiert Phyllis Hibbert, die in ihrem weißen Seidenkleid mit kirschroten Bändern unter dem kauernden Kunstvolk sitzt wie ein lebendiges Damenportrait des Klassizisten Romney. Dem Faden der Unterhaltung folgt sie wie ihre jüngere Schwester Rosamond mit unbehaglichem Gefühl.

Schließlich endet der Disput, und man wendet sich den Tatsachen des Lebens zu, speziell dem, was die beiden Miss Hibbert als ihren „Geschäftsbereich“ bezeichnen: dem Heiraten. Sylvia Tristram behandelt das Thema Liebe und Ehe wie einen robusten Gegenstand, der beklopft und untersucht wird. Phyllis kennt die Liebe als durchkalkuliertes Ergebnis von Augen- und Fächermanövern in Ballsälen und duftenden Wintergärten.

Die Begegnung zwischen Phyllis Hibbert und Sylvia Tristram gleicht dem Zusammentreffen von Angehörigen fremder Stämme, die sich neugierig mit ihren Sitten bekanntmachen. Dabei ähneln sie einander auf frappante Weise. Sie haben die gleiche Herkunft und Erziehung, denselben klaren Verstand, dieselbe Sensibilität. Aber das, was die junge Schriftstellerin besitzt, ein eigenes Haus, ein unabhängiges Leben, das erwirbt sich die andere durch Heirat. Der Kandidat ist wichtig, aber bis zu einem gewissen Grade austauschbar. Wichtig ist die Befreiung aus dem Untertanenzustand der höheren Tochter. Bei gleichem Alter sind die beiden durch ein Jahrhundert voneinander getrennt: Die eine ist Viktorianerin, die andere eine junge Frau des 20. Jahrhunderts.

Phyllis Hibbert und Sylvia Tristram stammen aus der Feder Virginia Woolfs, die im Entstehungsjahr des Textes, 1906, 24 Jahre alt war und gerade ihre ersten Essays publiziert hatte. In ihrer ersten Erzählung veranstaltet sie mit Genuß, was sie als Antrieb für Sylvia Tristrams literarische Arbeit bezeichnet: „Sich in fremden Spiegeln zu sehen und dem Leben anderer ihren eigenen Spiegel vorzuhalten.“ Den Spiegel installiert sie, hier, zwischen den beiden auseinandergerissenen Hälften ihrer eigenen Existenz. Die Erzählung mit dem Titel „Phyllis und Rosamond“ ist ein bezauberndes Selbstportrait der Künstlerin als junge Frau.

1904, neun Jahre nach dem Tod der Mutter, war der Vater gestorben, der Schriftsteller und Privatgelehrte Sir Leslie Stephen. Die Geschwister hatten das große Haus in Kensington aufgegeben und begannen ein neues Leben in den hellen Räumen des Hauses am Gordon Square mitten im Verkehrslärm Bloomsburys. Was gestern war: die Stille in der Hyde Park Gate 22; der Varel, der mit seinen düsteren Stimmungen die Atmosphäre des Hauses bestimmte; die Aufsicht der älteren Stiefbrüder, ihre gesellschaftlichen Vorschriften und die erotischen Nachstellungen des einen, Georges, der für Virginia ein Alptraum war; die öden Teenachmittage, die sie maliziös geschildert hat; die Organisation des Haushalts, die Beaufsichtigung der Dienstboten – all das war zu Ende.

„Unten im Haus herrschte die reine Konvention, oben der reine Intellekt“, schrieb Virginia später. Nach Bloomsbury nahmen sie nur die obere Etage mit. Das Leben am Gordon Square mit den älteren Geschwistern Thoby und Vanessa war von der Arbeit bestimmt, von der Malerei Vanessas, dem Schreiben Virginias und den Diskussionsabenden mit den Studienfreunden Thobys aus Cambridge, zu denen Leonard Woolf gehörte, der spätere Ehemann. Mit ihrem ersten Erzähltext vollzieht sie den Bruch mit ihrer viktorianischen Vergangenheit noch einmal nach. Ein altes Leben wird ziemlich unbeschwert in die Schubladen der Erinnerung geräumt.