Von Dieter E. Zimmer

Fragte man die Leute, welches für sie die ödesten und nebensächlichsten Themen der Welt sind, so hätte das Thema Rechtschreibung gute Chancen, auf einem der obersten Plätze zu landen. Gleichwohl, bei kaum einem anderen lodern die Leidenschaften so schnell und so heftig auf.

Denn unsere Einstellung zur Orthographie ist zwiespältig. Wir mögen sie nicht. In der Schule hat man uns bis zum Überdruß und dennoch mit nur zweifelhaftem Erfolg damit gezwiebelt. Der „Rechtschreib-Duden“ ist für viele von uns ein eher unangenehmes Buch, das nach unerforschlichen Ratschlüssen, die wir auch gar nicht durchschauen wollen, Schreibungen verordnet, welche häufig wie bare Willkür anmuten. Daß man infolgedessen zusammenschreiben muß, statt dessen jedoch getrennt; in bezug auf klein, mit Bezug auf aber groß; er steht kopf, aber er steht Schlange; irgendwas, aber irgend etwas; Reflexion mit x (trotz reflektieren), Annexion ebenfalls (trotz annektieren), aber dann, trotz selektieren, Selektion mit kt – das alles mag irgendwelche spitzfindigen Gründe haben, wir wollen sie aber nicht auch noch kennen müssen; Vorschriften dieser Art wirkten doch weiter so, als seien sie von sadistischen Schulmeistern ausgedacht. Bei allen sechzehn Umfragen, die zwischen 1955 und 1982 in dieser Sache veranstaltet wurden, fanden sich denn auch Mehrheiten, die eine Vereinfachung der geltenden Rechtschreibung wünschten.

Sobald wir jedoch eine Schreibung, und sei es die willkürlichste, „verinnerlicht“ haben, hängen wir an ihr und begegnen jedem Ansinnen, sie zu ändern, mit flammender Entrüstung. Darum ist jede Orthographiereform ein überaus zähes Unterfangen. Als im Herbst 1988 Empfehlungen zu einer Reform der deutschen Rechtschreibung an die Öffentlichkeit kamen, und zwar die ersten nicht von vornherein ganz und gar aussichtslosen dieses Jahrhunderts, schrie das deutsche Feuilleton fast geschlossen auf: Keiser? Nie!

Denn in Sprachdingen sind auch die Progressivsten unter uns oft stockkonservativ. Man kann sich noch so nüchtern sagen, daß das lateinische Caesar als Lehnwort vom Althochdeutschen bis ins 17. Jahrhundert Keiser geschrieben wurde, daß sich die ai-Marotte aus der Kanzlei Maximilians I. nur durch Zufall durchgesetzt hat und keinerlei besondere Würde ihr eigen nennt, daß überhaupt keine Schreibweise von vornherein besser oder schlechter ist und jede nur eine Konvention – wer nur den Kaiser kennt, erschrickt dennoch erst einmal über den unorthodoxen Keiser, so wie er über den Kaiser erschräke, hätte er Keiser gelernt. Es ist ein geradezu körperlicher und darum auch kaum beiehrbarer Schreck.

Niemand muß sich irgendeine Orthographie vorschreiben lassen. Wer meint, in seinen Liebesbriefen hätte er hinter der Anrede nur die Wahl zwischen einem Ausrufezeichen und einem Komma, weil der „Duden“ es irgendwann so zur Norm erklärt hat, hat es nicht besser verdient. Der Staat kann orthographische Regeln überhaupt nur in zwei Bereichen für verbindlich erklären: im Schriftverkehr seiner Behörden – und für den Schulunterricht.

Das aber genügt auch schon. Theoretisch könnte jeder sehr wohl seine eigene Rechtschreibung erfinden, könnte jede Institution ihre eigenen Normen erlassen. Aber mehrere Orthographien nebeneinander kann es nicht geben. In der Schule eine Orthographie zu unterrichten, die später im Leben nicht mehr gilt, wäre sinnlos. Wäre sie aber erst einmal gelernt, so hielte jeder sie auch zeitlebens für die einzig richtige und duldete keine andere neben ihr. Der Rest bedarf keiner Vorschriften, sondern regelt sich über eine automatische und erbarmungslose soziale Kontrolle. Wer von jenen Schulnormen abweicht, muß gewärtig sein, unter seinen Mitmenschen als kulturlos, fast als Analphabet dazustehen. Die Furcht vor dem schadenfrohen Grinsen des Nebenmannes ist es, die der für Schule und Behörde angeordneten Norm die allgemeine Geltung verschafft.