Von Walter Siebel

Kultur hat Konjunktur“, „High-Tech – High-Culture“, „Herausforderung Kultur“ – gemessen an der Beliebtheit des Themas für Tagungen, Wahlkämpfe und Wortspiele erleben wir eine Renaissance der Kultur. Der Stadtkultur, denn in Europa war Kultur stets städtische Kultur.

Auch heute ist Kulturpolitik also in erster Linie Stadtpolitik: Von den insgesamt 6,5 Milliarden Mark, die die öffentliche Hand 1985 für Kultur ausgegeben hat, entfielen 4,5 Milliarden auf die Kommunen.

Das neue Interesse an der Kultur manifestiert sich daher vor allem als neues Interesse an der Stadt und ihrer Urbanität. Das Einfamilienhaus im Grünen ist out, die Altbauwohnung in der Innenstadt in, bei karrierebewußten Bankern und bei Grün-Alternativen gleichermaßen. Die Stadtzentren werden mit Kampanilen und Torhäusern markiert, kunstvoll gepflastert und verkehrsberuhigt, postmodern dekoriert, mit gläsernen Pavillons, Bänken, Kübeln und schmiedeeisernen Laternen möbliert und passagenweise überdacht. Spätestens seit die Frankfurter Kulturpolitik mit hohen Summen und staunenswertem Erfolg das Image Frankfurts umgeprägt hat, investieren die Städte in kulturelle Einrichtungen: Kulturmeile, Museumsufer, Skulpturboulevard, eine neue Philharmonie in Köln, eine neue Tonhalle in Düsseldorf, aufwendig restaurierte Opern in Hamburg, Frankfurt und Stuttgart, Theater, Konzertsäle, Kulturforen, Mediaparks.

Vor allem aber Museen: Zwischen 1969 und 1988 soll sich die Zahl der deutschen Museen fast vervierfacht haben: von 673 auf 2400. Eine geradezu „dramatische Musealisierung“ (H. Lübbe) ergreift fast alles: banale Zeugnisse vergangenen Alltagslebens und moderne Kunst; ein ganzes Wohnviertel samt seiner Bewohner kann ebenso unter Denkmalschutz geraten wie Architektur aus den sechziger Jahren (Dreischeibenhaus in Düsseldorf).

Aber auch jenseits des Museumsbooms hat die Wiedergeburt der Stadtkultur etwas eigentümlich Rückwärtsgewandtes, Renaissance eben auch im Sinne der Wiederentdeckung des Verschütteten, des fast Verlorengeglaubten. Der Flaneur, den die Planer der autogerechten Stadt so gründlich aus der Welt geschafft hatten, soll wieder zu seinem Recht kommen. Das Ornament, das doch als „Verbrechen“ (Adolf Loos) aus der modernen Architektur verbannt worden war, wird von der Postmoderne in aller Pracht wieder entfaltet. Die Stadt, deren Gestalt im Siedlungsbrei der Agglomerationen verschwommen ist, soll durch effektvolle Konzentration städtischer Symbole auf die „Stadtkrone“ wieder sichtbar gemacht werden. Nicht eine neue Stadt wird gebaut, vielmehr sollen die Reste der alten gerettet und die abgestorbenen Qualitäten früherer Urbanität wiederbelebt werden.

Viele gute Gründe treffen dabei zusammen: das Erschrecken angesichts der inhumanen Folgen eines rigorosen Stadtumbaus und der Ode eines verarmten Funktionalismus, die Suche nach Halt gegen allzu rasante Veränderungen und schlicht das Lernen aus begangenen Fehlern. Trotzdem hat die Renaissance der Städte und ihrer Kultur auch die Kulturkritik neu belebt. Was einige als wiedergewonnene Urbanität feiern, verdammen andere als „heuchlerische Bauart“, „um vor den Augen der reichen Herren und Damen mit starkem Magen und schwachen Nerven das Elend und den Schmutz zu verbergen, die das ergänzende Moment zu ihrem Reichtum und Luxus bilden“, wie schon Engels angesichts der englischen Industriestädte höhnte.