Der ausgebrochene Panther mußte nicht erschossen werden: Kaum des herbeigeeilten Präsidenten ansichtig geworden, wedelte er freundlich mit dem Schwanz und kehrte brav in seinen Käfig zurück! Solch neckische Anekdoten bekommt der Tourist auf den Brionischen Inseln serviert, wenn er die prachtvolle Sommerresidenz des verstorbenen jugoslawischen Staatschefs besucht. Tito als Förderer archäologischer Grabungen, Tito als Weinbauer, Tito als würdiger Gastgeber zahlreicher Staatsmänner, Tito als Entdecker der lebensspendenden Wasserquelle.

Der Adria-Archipel Brioni, der schon unter der k.u.k.-Monarchie und später unter italienischer Herrschaft Glanz und Eleganz besaß, entwickelte sich nach dem Krieg unter Josip Broz Tito zu einem wahren Paradies auf Erden, für dessen Pflege noch heute etwa dreihundert Personen das ganze Jahr über sorgen.

Ein botanischer Garten mit über tausend Pflanzen- und Baumarten aus aller Welt, zwei Museen, ein Safaripark mit exotischen Tieren (Staatsgeschenke hoher Gäste aus aller Welt), – das sind nur einige Punkte des reichhaltigen touristischen Programms, das nach Titos Ableben auch den gewöhnlich Sterblichen geboten wird, unter sachkundiger Begleitung, versteht sich. Das dreistündige mit Pathos vorgetragene Monodrama der Führerin endet vor den wie Reliquien unter Glas verwahrten persönlichen Gegenständen Titos: einem Spazierstock und einer hellen Schirmmütze.

Man fühlt sich nicht nur in eine irreale, ja beinahe irre Welt versetzt, in der Dromedare und anderes fremdländisches Getier durch die vertraute herbe Landschaft Istriens streifen, sondern hat mehr noch den Eindruck, wie auf einer Zeitreise in die längst vergangene Ära des Sozialistischen Realismus zurückgekehrt zu sein: in die ersten Nachkriegsjahre, die Epoche der grenzenlosen Huldigung an den Partisanenführer, als man Gedichte auf seine Heldentaten verfaßte, die Hauptstraße eines jeden Ortes nach ihm benannte und neukomponierte „Volkslieder“ sang, in denen der Genosse Tito mit einem „weißen Veilchen“ verglichen wurde.

Heute, fast zehn Jahre nach Titos Tod, sieht man die historische Bedeutung des Präsidenten auf Lebenszeit wesentlich nüchterner. Und doch wagt niemand so recht, dieses Denkmal anzutasten – funktioniert doch immer noch eine so seltsame wie anachronistische Institution, die sich „Koordinierungsausschuß des Sozialistischen Bundes der Werktätigen für die Achtung und den Schutz des Namens und des Werkes von Josip Broz Tito“ nennt. Außerdem greift man in den neuerdings immer heftiger werdenden nationalen und regionalen Auseinandersetzungen gern auf Tito als Allzweckwaffe zurück, wann immer es gilt, unerwünschte Entwicklungen zu blockieren. Jede unliebsame Änderung des bestehenden Zustandes läßt sich als Abweichung von dem epochalen Werk des großen Landesvaters interpretieren – und denunzieren.

Als 1982, zwei Jahre nach dem Tod Titos, der Historiker Vladimir Dedijer die über tausend Seiten umfassenden „Neuen Beitrage zur Biographie von Josip Broz Tito“ herausbrachte, sah es so aus, als könnte dies der Anfang zu einer leisen, allmählichen Demontage des Übervaters werden. Zum ersten Mal konnte man einen Blick hinter die Fassade werfen: Der legendäre Partisanenheld wurde als behäbiger Hausmann in seinem trauten Heim gezeigt, sein hemdsärmeliger Umgang mit den Spitzenfunktionären des Landes ungeschminkt wiedergegeben. Doch die beabsichtigte Wirkung dieser neuen Sachlichkeit blieb aus: Jugoslawiens Historikerriege zeigte sich entsetzt. Schon allein die Darstellung des Präsidenten als Privatmann empfand man als anstößig.

So sollten weitere Jahre vergehen, ehe sich die pragmatische Jugend Sloweniens erdreistete, weiter am Tito-Standbild zu kratzen und die Abschaffung der kostspieligen „gesamtjugoslawischen Jugendstafette“ zu fordern – noch ehe serbische Intellektuelle die kitschige Show im nordkoreanischen Stil, die man jedes Frühjahr zu Titos Geburtstag unter dem Titel „Tag der Jugend“ im Belgrader Stadion zelebrierte, als nicht mehr zeitgemäß anprangerten. Die prekäre Wirtschaftslage führte dann von der Einsicht zur Tat: Die Stafette wurde im vergangenen Jahr abgeschafft, das Fest gerät seitdem um einiges nüchterner.