Es gibt Zeiten, da ist die Welt ein Seziertisch für seltsame Begegnungen. Der Chronist wandert durch Wien – und plötzlich biegt um die Ecke ein Gefährt, das aussieht wie die Kreuzung aus einem depressiven Tapir und einer Mondlandefähre. Das Ding schnorchelt sanft heran. Aha, es ist, ja, ein Motorrad, glänzend weiß. Zwei mächtige Saugrüssel hängen auf den Boden, einer links, einer rechts. In der Mitte thront ein extraterrestrischer Aktionskünstler im weißen Overall. Bevor dem Chronisten die Sinne schwinden, erfährt er: Das Ding soll Ausscheidungen von Hunden sammeln und deshalb "Dogofant" heißen – wie der "Alufant" für Aludosen, obwohl das Monster nicht die ganzen Dogos frißt, sondern nur ihr Unbrauchbarstes.

Kaum ist der Chronist wieder auf den Beinen, spaziert er an der Außenalster in Hamburg und genießt den See in der City. Da! Ein mächtiges Bauschild: "Projekt: ALSTERPORT Wasserflugplatz / Bauvorhaben: Wirtschaftstrakt mit Tower Cafeteria Terrasse Schwimmdock Landesteg / Unternehmen: Ingold Airlines ALSTERPORT GmbH / Luftverkehr: Commuterlinien Zürich-Hamburg-Berlin / Flugzeuge: Dornier Seastar 9 Passagiere". Was wollen die da – mit dem Flugzeug auf der Alster landen? Dreimal täglich mit ihren Propellern harmlose Segler niedermetzeln? Der Widerstand keimt schon. Die Flugzeuge auf dem Schild hat jemand überkritzelt: "Nix Alsterport – Liegewiese für alle!" Das innere Ohr des Chronisten hört die Schlachtrufe der Demonstranten.

Vergebliche Aufregung, es ist alles bloße Kunst. Ein Projekt mit dem Titel "D&S" oder "Differenz & Simulation" verteilt derzeit Concept-Art über die Stadt. Die Ausstellung dazu zeigt der Hamburger Kunstverein, und die Angestellten an der Kasse stöhnen ein bißchen. Viele Besucher sind es derzeit nicht ("Kunststück", brummt der Wiener Dogofant, Simulation hat man ohnehin von früh bis spät), aber die, die kommen, verlangen mit dem Stadtplan in der Hand, man solle ihnen den Weg zur Freiluftkunst weisen. "Das ist eine komplizierte Ausstellung zur Zeit", sagt die Frau an der Kasse. Dieser Satz ist schön, weil er viele Bedeutungen hat.

Die Handelskammer verbot in letzter Minute, im Börsensaal die geplante Installation aufzustellen. Das Bauamt Nord sah das Alsterport-Schild als Werk von "Spaßvögeln" und wollte es entfernen, nicht erkennend, wie zeitgemäß imaginäres Investment ist; es spart Beton, Kerosin, Blut und Tränen – bis ein echter Investor auf den Geschmack kommt. Und Siemens, Sponsor der Ausstellung, erlebte die Wut der Belegschaft: im eigenen Bürohaus eine Installation, wo Haushaltsgeräte ihren Strom von einem Stacheldrahtzaun beziehen – das ging nun wirklich nicht. Es ist ja wahr. Die Kunst, der ausgelaugte Koloß, endlich schön tot, steht auf und macht die Leute irre? Ein Kunstofant her für Alsterport & Co!

Wie schützen sich mündige Bürger vor unverschämten Fälschungen? Ganz einfach: Sie durchschauen sie. Aber wie? Im speziellen Fall gibt ein echtes Baustellenschild die Antwort, das nur ein paar Meter vom Alsterport entfernt liegt, umgefahren von einem Auto. "Wir bauen für Sie: Straßenbauten an der Alster." Ja, so wollen wir das hören: Man plant und werkt, nur für uns. Die Höflichkeit der Technokraten: Sie fehlt diesen Künstlern, die nur neuen Verdruß in einen tristen Alltag bringen, anstatt Probleme wegzuräumen.

Wir werden ihre Werke alle entlarven. Und der Dogofant? Ist keine Kunst und will auch keine sein. Wie genau wir dem Ding auch auf die Rüssel schauen – alles paßt. Geplant wurde das Fahrzeug von der französischen Gruppe Guve, erfahren wir. Künstler? Nein, eine Fabrik, die den Dogofanten nach Einsätzen in Paris auch der Stadt Wien zum Probesaugen überließ. Das Objekt sei "recht gut angekommen", heißt es dort. Ist eigentlich klar; echt von vorn bis hinten, und nachher ist der Dreck weg. Klemens Polatschek