Da ist er schon wieder, der alte Mann. Das arme Gespenst. Der Geist von Hamlets Vater. Aber diesmal kommt er nicht auf einem wilden Roß hereingesprengt, wie kürzlich bei Patrice Chéreau. Er kommt auch nicht im wehenden Nachthemd oder in klappernder Ritterrüstung. Er ist kein silberglänzendes Phantom wie einst in Berlin, bei Klaus Michael Grüber. Und er ist auch nicht bloß eine Stimme in Hamlets Kopf wie bei Rudolf Noelte in Bonn.

Der Geist in Michael Bogdanovs Hamburger „Hamlet“-Inszenierung kommt weniger aus den Rumpelkammern des alten Theaters als aus dem zeitgenössischen Abenteuerkino. Der Geist erscheint als Fernseh- oder Videobild – auf einem riesigen Radarschirm, der die Bühne drohend beherrscht. Der alte Hamlet sieht seinem Bruder und Mörder Claudius zum Verwechseln ähnlich (in einer Doppelrolle: Christian Redl) – nur trägt er eine Art Wikingerschnurrbart im Gesicht, und sein linkes Auge ist kurios in die Stirn gewandert. Wenn die Erscheinung droben auf dem Radar-Bildschirm ihren Auftritt absolviert hat, zerfällt das Bild, sehr dekorativ und geisterhaft, in farbige Vierecke.

In diesem Augenblick ist die Aufführung noch keine halbe Stunde alt – und doch ist das ganze Theater schon mächtig spektakelnd in Fahrt. Alle Hamlet-Maschinen sind in Bewegung: Die Drehbühne dreht, die Suchscheinwerfer kreisen, Marschtritte dröhnen, der Nebel steigt. Das faulige Dänemark ist in Bogdanovs Inszenierung und auf William Dudleys Bühne eine Militärdiktatur aus unseren Tagen – weshalb der Zuschauer auch gleich eine lange mitternächtliche Parade miterleben darf.

Das Schloß am Meer von Helsingör ist kein Ort mehr, an dem man romantische Rachetragödien und Schauerballaden aufführen könnte. Eine mächtige eiserne Brücke, mit Radar und Scheinwerfern bewaffnet, führt über die Szene. Auf der Drehbühne kreisen drei schwere, schräge Stellwände – ihre kahlen, grauen Außenmauern beschwören das Bild einer Festung, ihre Innenseiten formieren sich zu Palasträumen von dumpfer, trostloser, man will uns wohl sagen: faschistischer Pracht.

So holt Bogdanov das Stück „Hamlet“, das doch gerade die Deutschen wie ein Heiligtum bewundern, mit derbem, aber sicherem Griff hinab in die Gegenwart. In seiner Inszenierung ist weder der Rest noch der Anfang aller Dinge Schweigen. Sie beginnt schon, etwas verwirrend, in einer Bierwirtschaft, wo sich fröhliches Volk bei lärmender Musik versammelt – vielleicht trifft sich hier die oppositionelle Jugend Dänemarks, denn man sieht im Gewimmel auch schon Hamlet (mit Bierflasche), Horatio, Ophelia. Mag sein, daß Bogdanov darauf hinweisen wollte, daß er in seinem bunten Leben auch schon mal Kneipenwirt gewesen ist. Mag sein, daß er Hamlets berühmter Klage („Wirtschaft, Horatio!“) eine ganz neue Ausdeutung geben wollte.

„Es ist der Darstellung der Shakespearischen Stücke“, hat Bertolt Brecht befunden, „auch eine falsche Auffassung von Größe im Wege.“ Bogdanov hat den Weg entschlossen freigeräumt. Keine Majestät verhüllt, kein Geheimnis entrückt die Figuren des Dramas. Alle benehmen sich in schwierigen Lagen etwa so, wie auch wir uns benehmen würden.

Also: Bevor Hamlet (Ulrich Tukur) seine erste berühmte Sentenz abschießt („Schwachheit, dein Name ist Frau“), zündet er sich erst mal eine Zigarette an. Bevor die Königin (Ilse Ritter) ihre herzzerreißende Erzählung vom Tod der Ophelia beginnt („Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach“), genehmigt sie sich erst mal einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche.