Für Rockmusiker gibt es gemeinhin zwei Möglichkeiten, der Musikkritik zu entgehen. Entweder sie werden Puppen der Unterhaltungsindustrie, identisch mit einem Haarschnitt oder zwei Melodien. Oder sie werden Megastars, in deren Aura die Kritik versinkt wie ein zu schwacher Farbstoff, unwirksames Genörgel.

Joe Jackson hat weder diese noch jene Möglichkeit gewählt, und vielleicht hat er eine Wahl nie gehabt. Hochgespült mit dem Erfolg der britischen New Wave — und das ist schon zehn Jahre her —, war Joe Jackson für die Kritiker seither der "wütende Perfektionist". Nicht, daß die Kritik den Pianisten, Sänger, Songwriter, Arrangeur nicht geschätzt hätte. Aber an einem, der sich alles zutraut, gibt es auch immer etwas auszusetzen. Während der Musiker Joe Jackson gewandter wurde, ist die Kritik zusehends darauf verfallen, seine körperliche Erscheinung ins Groteske zu rücken: " wie eine blutarme Giraffe, die man gerade aus einem dunklen Käfig gelassen hat. Seine Hautfarbe ist von fahler Geistesblässe, ein durchscheinendes Grauweiß. Die Kleidung stammt vom Roten Kreuz", schrieb ein Musikjournalist nach einer Begegnung mit Joe Jackson, und einem Berliner Rockkritiker erschien der Musiker als "kleiner, rothaariger Engländer".

Der Mann, der im maßgeschneiderten hellen Anzug in die Bar des Londoner "Mayfair" Hotels schlackst, sich zu mir setzt, meinem Blick ausweicht, sich ein Bier bestellt und ein Sandwich ohne Fleisch, hat keine Spur von unfreiwilliger Komik. Er muß an die ein Meter neunzig sein, sein aschblondes Haar ist trotz oder wegen des hohen Haaransatzes strack nach hinten gekämmt (aber nachlässig geschnitten); sein leicht fliehendes Kinn macht seinen kleinen, etwas wulstigen Mund wichtig. Seine Haut wirkt jugendlich frisch. Und seine Augen, die Bernsteinmischung mit Grün oder Blau, linsen später wachsam zu mir herüber, um gleich darauf wieder zu verschwinden: in jenem Menschen im Menschen, der Gauner sein kann oder Kind und im Falle Joe Jacksons eindeutig der Künstler ist. Eine Nase von architektonischer Festigkeit hält das Gesicht zusammen, das auf jedem Photo, das ich von Jackson kenne, in seine Partiale zerfällt.

Joe Jackson, geboren 1954 und aufgewachsen in der südenglischen Hafenstadt Portsmouth, hat mit seinem englischen Konkurrenten Sting, Ex Spitzenmann der Gruppe The Police, viel gemein. Beide führten Ende der siebziger Jahre kleine Bands an, die mit ihrem glasklaren Klang und neuen Rhythmen den bombastischen Schweiß- und Mähnenrock des ausgehenmden Jahrzehnts wörtlich alt aussehen ließen. Jonglierend zwischen dem Hüpfen des Punks und dem Federn des Reggaes, brachte die neue Musik ein Lebensgefühl hervor: Eine Wir Ära ging zu Ende, nun mischte sich dumpfe Resignation mit ironisch gebrochener Aufbruchsstimmung.

Mann trug wieder Anzug und frau sowieso. Joe Jackson, gerade fünf Jahre der Schuluniform entkommen, sah man im gestreiften Jackett und mit einem weißgepunkteten Schlips auf dem Rücktitel seiner ersten Platte stehen, und er befahl, den Zeigefinger auf den Hörer Betrachter gerichtet: "Look sharp!" Jackson war damals 24, hatte eine Ausbildung in Komposition, Orchestrierung, Klavier und Schlagzeug an der Royal Academy of Music hinter sich und in einer prominenten Big Band gespielt. In kleinen Rockgruppen sowie allein am Kneipenklavier hatte er das Desinteresse des Publikums erschöpfend ausgekostet.

Erfolgreich wurde er, sobald er auf Platte war: Entdeckt vom amerikanischen Produzenten David Kershenbaum, konnte Joe Jackson mit seiner Vier Mann Band in den Vereinigten Staaten innerhalb von Wochen eine halbe Million Exemplare von "Look sharp!" absetzen. Das bedeutete für den Exponenten der britischen New Wave, nicht mehr zur heimischen Clubszene zu gehören. Denn die frische Musik aus dem Untergrund in den mainführen kommt einem Verrat gleich. Auf der zweiten Platte gibt es denn auch einen Song, "On Your Radio", in dem den "exwird, daß sie den nunmehr Großgewordenen nur noch im Radio hören können. Joe Jackson hatte den Erfolg gesucht. Und doch hat sich der Musiker mit seinem Erfolg nicht leicht getan. Er war nicht froh, wenn das Publikum schrie, sondern brachte es mit Erklärungen und notfalls mit barschem Zischen zum Lauschen. Lange galt Jackson als launisch und unwirsch, als Antistar, als über die Erfolgsnacht rasch gealtertes Wunderkind.

Fast jedes Interview in diesem Jahr hat Jackson benutzt, um das Ende der Jugendkultur zu verkünden ("Warum sprechen wir nicht einfach von Kultur?") und sich lustig zu machen über alt gewordene Rock n Roller. Was bringt ihn so auf gegen die Forderungen der Rockindustrie, warum will er um keinen Preis "Star" sein?