Von Nina Grunenberg

Als das Werk vollbracht war und niemand mehr an seinem Erfolg rütteln konnte, ließ er die Abendsonne darüber scheinen. Rudolf v. Bennigsen-Foerder, Vorstandsvorsitzender der Veba und vom Manager-Geblüt her ein Monarch, wurde in seinen letzten Lebensjahren milder, gelassener, auch amüsierter. Ihm schmeichelte, wie umworben er "seit Wackersdorf" als Vortragsredner war. Ohne falsche Bescheidenheit bedauerte er im gleichen Atemzug, daß Zuspruch und Interesse an seiner Person reichlich spät kamen. Er wäre gerne früher gefragt worden, denn er fand, daß er als Chef des größten deutschen Energiekonzerns "etwas Wichtiges zu sagen" hatte. Daß er ausgerechnet als "Killer von Wackersdorf" in die Geschichte der Bonner Energiepolitik eingehen sollte, verblüffte ihn selber am meisten. So verkürzt war die Botschaft nicht, für die er lange vergeblich Zuhörer gesucht hatte. Aber er konnte nichts daran ändern, daß er vielen Kernkraftgegnern zu einem Aha-Erlebnis verhalf. Sein Entschluß, Wackersdorf aufzugeben und die Brennstäbe, die in den Kernkraftwerken der Veba anfallen, statt dessen in die Wiederaufarbeitungsanlage des französischen Staatskonzerns Cogema zu geben und den "Brennstoff-Kreislauf zu europäisieren", wirkte wie ein tollkühner Husarenstreich, auch deswegen, weil er die Politiker in recht armseligem Licht erscheinen ließ: Bedurfte es eines Topmanagers, um ihnen klar zu machen, daß sich gegen den Willen der Bevölkerung keine Politik durchsetzen läßt?

Bennigsen-Foerder hat es zu schaffen gemacht, daß seine Entscheidung interpretiert wurde, als hätte ein Industrieller fehlendes politisches Handeln ersetzt. "In meinen dreißig Jahren bei der Veba", rekapitulierte er in einem Gespräch, das Ende September in Düsseldorf stattfand, "war Wackersdorf die schwierigste Zeit." Als Chef eines Konzerns, der sieben Kernkraftwerke besitzt oder an ihnen beteiligt ist, zu den Großen am Mineralölmarkt gehört und als bedeutendster Aktionär der Ruhrkohle AG die Interessen der deutschen Steinkohle mit vertritt, war Bennigsen-Foerder daran gewöhnt, "eine gewisse Scharnierfunktion" in der Energiepolitik auszuüben. Wenn Politik und Wirtschaft sich in Energiefragen nicht in die Quere kommen sollten, durfte sein Gesprächsfaden nach Bonn nie abreißen. Daß er "trotz oder wegen Wackersdorf" am Ende keinen Gesprächspartner mehr in Bonn hatte, empfand er als bittere, ungerechtfertigte Niederlage – unverantwortlich zudem, denn das politische Vakuum in Energiefragen war nun perfekt.

Wie war es denn gewesen? Sein Entschluß kam ja nicht aus heiterem Himmel:

"Unruhig war ich schon, seitdem Ministerpräsident Ernst Albrecht vor zehn Jahren die Baugenehmigung für die Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben mit dem Verdikt zurückzog: technisch machbar, aber politisch nicht durchsetzbar. Für Albrecht war das damals ein Damaskus. Davon ist dieser Politiker bis heute gezeichnet. Damals haben wir gelernt, daß die Politik an solchen Sachen nicht ungerührt vorbeigehen kann. Das ist in Ordnung, keine Klage. Ich erinnere an ein Wort von Helmut Schmidt, der damals sagte, man kann diese Industrie nicht mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen und der Bevölkerung oktroyieren."

Von richtiger Unruhe wurde er aber erst erfaßt, als die SPD auf ihrem Parteitag in Nürnberg im August 1986 den Konsens zwischen Kohle und Kernenergie aufkündigte. "Bis dahin wußten wir, daß wir in der technisch und politisch sensiblen Frage der Kernenergie und in der politisch sensiblen Frage der deutschen Steinkohle die Unterstützung von Bund und Ländern hatten. Als der Konsens von der SPD offiziell aufgekündigt wurde, entstand eine Pattsituation, in der sich die beiden großen Parteien gegenseitig blockierten."

Bennigsen-Foerder blieb unruhig, alle seine Antennen waren ausgefahren: Für sein gesellschaftspolitisches Feingefühl war er unter den Unternehmern berühmt.