Von Karlheinz Deschner

Welch ein Werk – nein, eine Welt! Ich lese ihn wieder, nach so vielen Jahren, hineingezogen gleich in den Strom dieses Bewußtseins, dieser Bilder, die Kaum-Erklärbarkeit der Geschehnisse, in jenen weiten „Ozean der Finsternis, auf dem die Menschheit segelt“, das Gestarr der Sterne darüber – „große Leuchtfeuer an den Gestaden der Unendlichkeit...“

Ich lese da, lese dort: welches Leid, welch Mit-Leid auch, welche Durchdringung, welches Durchdrungensein, Leben und Sterben hineingestreut, wollüstig und ekelhaft, unsagbar traurig, peinigend süß, wie selbstverständlich verschlungen alles, die Mechanik der Schicksale, die Gesänge des Weltraums! Wo noch erstand der Norden, erstand zumal Skandinavisches so?

Wie hingetuschte Wälder, Heideflächen, die Molltöne des Drusches, Einöden der Schwermut, kleine Hafenorte über abstürzenden Klippen, Abende voller Tod und nebelgefüllte Fjorde, der Duft des Winterfeuers, einsame Inseln, schneesturmüberfallen, Dämmerungen, Düsterungen, Brandungen, Stille – Stätten, an denen der Mensch ganz allein mit sich ist und „reif wie ein Kürbis, aus dem die Kerne hervorfaulen“.

Jahnn – das ist die Welt vom Pferderücken bis in die Tiefsee, von irgendeinem Flirren vor dem Horizont bis in den Malstrom der Gedanken. Jahnn, das sind weißkrausstrichige Strände, anreitende Orkane, Meer auch so sanft unter halbschlafenden Kiefern; das ist Licht über Staubwegen, Pappeln und Land, wenn die Luft warm ist wie ein Vogel in der Hand, wenn der Wind schweigt und man weithin das Springen der Hechte hört. Jahnn, das sind die unheimlich winzigen Laute der Welt, ist das Zirpen des Strandhafers, gewürzt von Brisen, die die See bestrichen, ein strudelnder Flußlauf, seine tiefgrünen Stillstände, sein weißes, eilendes Geschäum, sind Täler voller Dezemberdunkelheit und verwüstenden Wünschen.

Jahnn – das ist ein Reich, in dem die Gestorbenen gegenwärtig sind wie die künftigen Toten, der Glaube zuweilen gar, daß Gräber mehr fesseln können als alle Landschaft darüber; ist viel Heidnisches, Abergläubisches auch, Nordisch-Naturmythenhaftes, die Realität Unterirdischer, der Steinmänner, Baummädchen, Wasserjünglinge, viel Erdhaftes, Widerchristliches, denn angesichts einer Schöpfung, „in der alle Geschöpfe fressen und gefressen werden, liegt die Vermutung nahe, daß auch der Urheber frißt“. Jahnn, das heißt Wohlgefallen an fernen Göttern, Remythologisierung, unentwegter Kampf gegen die Irritationen verlogener Moral, heißt Ruf nach einer Welt, auf der man vergißt zu beten, nach Gott zu fragen, ist die erträumte Leiter bis in die Wolken doch nichts als „die zeitliche Erfindung eines schlecht gepflegten Gehirns“.

Jahnn – das ist Wuchern und Wachstum und Fraß der Verwesung, Dasein vom Dunst der Kloaken umwittert, ist die fett wie Anemonen im Frühling blühende Vergängnis ringsum, der Bauch der Schwangeren, der an Grabsteine erinnert, der Paarungstrieb, Freßtrieb, sein „Es ist, wie es ist. Und es ist fürchterlich.“ Jahnn, das ist die Unschuld des Lasters, die Kraft des Geschlechts, die orgelnde Stimme der Wollust, des großen Pan, die ewige Musik der Lenden – „Wir haben unsern Leib um der Liebe willen – sonst brauchten wir ihn nicht“.