Von Roger de Weck

Athen, Ende Oktober

Kein westlicher Staat ist in den letzten Jahren so schlecht regiert worden wie Griechenland. Der Premierminister Andreas Papandreou taumelte von Skandalon zu Skandalon, fürwahr ein griechisches Wort. Die Schulden der öffentlichen Hand türmten sich so hoch, daß die Kommission der Europäischen Gemeinschaft zur Ordnung rufen mußte. So trübte sich das Bild eines Landes, das sich 1974 der Obristen entledigt hatte, um 1981 dem Demagogen Papandreou zu erliegen.

Dem Führer der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Panellinio Sosialistiko Kinima, kurz Pasok) ist in acht Regierungsjahren fast alles mißlungen. „Er hat uns Griechen unter das Niveau von Portugal heruntergebracht“, zürnt ein führender Kommunist. „Papandreou hat soviel Schaden gestiftet wie die Obristen“, erregt sich ein Intellektueller, der unter der Diktatur wiederholt verhaftet und gefoltert worden war. Die Pasok-Herrschaft war für Griechenland „eine nationale Katastrophe“, klagt der weltberühmte Komponist und Freiheitsheld Mikis Theodorakis.

Schwer erträglich ist vielen Griechen jene „Mischung aus Ironie, Mitleid und Abschätzigkeit“, die ihnen nun aus dem Ausland entgegenschlägt. Andreas Papandreou reiht sich in die lange Folge derer ein, die – von den „dreißig Tyrannen“ des Jahres 404 vor Christus bis hin zum Putschisten Papadopoulos im Jahre 1967 – die Geburtsstätte der Demokratie entweiht haben.

Freilich ist und bleibt Papandreou ein beliebter Politiker. Trotz aller Mißwirtschaft und allen Mißfallens über seine Liebschaft mit der kessen Stewardeß Dimitra Liani hielten ihm bei den letzten Parlamentswahlen Mitte Juni immer noch 39 Prozent der Griechen die Treue. Das bedeutete zwar einen herben Rückschlag und den Verlust der absoluten Mehrheit in der Kammer; die Pasok mußte sich mit 125 von 300 Sitzen begnügen. Aber Andreas Papandreou behauptete sich als die Schlüsselfigur der griechischen Politik: Um mit ihm abzurechnen, mußten die Konservativen (44 Prozent, 145 Sitze) und die Kommunisten samt Anverwandten (13 Prozent, 28 Sitze) eine „widernatürliche“ Koalition eingehen.

Die konservative Partei Nea Dimokratia und der kommunistisch geführte Synaspismos (Bündnis der linken und fortschrittlichen Kräfte) bildeten Anfang Juli eine Übergangsregierung, die lediglich zwei Ziele verfolgte: Papandreous Immunität aufzuheben, damit er wegen der schlimmsten Verfehlungen vor Gericht gestellt werden kann; die übelsten Mißstände zu beheben, um sodann unter geordneten Verhältnissen Neuwahlen auszuschreiben. Gesagt, getan. Am kommenden Sonntag wählen die Griechen wieder einmal ein neues Parlament. Manches deutet darauf hin, daß sich weitere Einbußen der Pasok in Grenzen halten werden. Andreas Papandreou hat zwar die Staatskasse geplündert und geleert, das jährliche Defizit übersteigt zwanzig Prozent des Volkseinkommens. Aber am vorigen Sonntag trat er abends auf dem Syntagma-Platz vor Hunderttausende seiner Anhänger, hob die buschigen Augenbrauen und versprach eine allgemeine Erhöhung der Renten...