Von Christoph Türcke

Durch unsere Technik sind wir in eine Situation geraten, in der wir dasjenige, was wir herstellen und was wir anstellen können, nicht mehr vorstellen können.“ Das predigt Günther Anders nun schon fast vierzig Jahre. Einen Atomkrieg in wenigen Minuten anzuzetteln ist kein technisches Problem. Aber sich ernstlich vorstellen, zuinnerst begreifen, was er anrichtet? „Schon zwanzig Tote sagen uns, mindestens unserem Gefühl, nicht mehr als zehn Tote. Und die Mitteilung, daß Hunderttausend umgekommen sind, die vermittelt uns überhaupt nichts mehr. Je mehr Nullen wir an die Ziffern der Vernichtbaren oder Vernichteten hängen, um so nichtiger, um so nullenhafter wird unser Begreifen.“ Und so reagieren wir mit „Apokalypse-Blindheit“ auf die atomare Gefahr, sind unfähig, sie in unser Empfinden, Vorstellen, Gewissen wirklich aufzunehmen, sind unserem technischen Vermögen „als geistige Wesen nicht gewachsen“.

Der moderne Charakter – eine wissenschaftlich erzeugte Mißbildung? Das stand der neuzeitlichen Wissenschaft in ihrer Jugend wahrlich nicht an der Stirn geschrieben. Als Mitte des 18. Jahrhunderts die Franzosen Diderot und d’Alembert daran gingen, die Gesamtheit des menschlichen Wissens in einer Enzyklopädie zu vereinigen, wußten sie zwar, daß sie sich übernahmen: „Was ist also unser Ziel? Die Vollendung eines Werkes, das nie vollbracht werden kann.“ Schon damals war klar: Die Gesamtheit des menschlichen Wissens übersteigt unweigerlich die Fassungskraft jedes einzelnen. Auch als Universalgenie ist er nicht wirklich universal. Die Enzyklopädie war also nur möglich, wenn sie von vielen geschrieben wurde – und blieb selbst dann ein Versuch, „den Turm von Babel zu bauen“.

Dennoch: Die rapiden Fortschritte der Mathematik, Physik, Chemie, Biologie verlangten geradezu danach. Die einzelnen wissenschaftlichen Entdeckungen der Isolation der Gelehrtenstuben entreißen, sie planmäßig miteinander verknüpfen, zu allen bekannten Handwerkstechniken in Beziehung setzen und das Ganze der Öffentlichkeit zugänglich machen – das war ein Politikum ersten Ranges, hieß, geistige und körperliche Arbeit systematisch ineinandergreifen zu lassen, feudale Standesschranken zu durchbrechen und eine neue, weltbürgerliche, solidarische Epoche der Naturbeherrschung heraufzuführen. „Wir müssen für das Physische des Menschen sorgen, es ihm angenehm machen, und bald werden wir sehen, daß seine Moral besser und glücklicher, seine Seele friedlich und heiter und sein Wille ... zur Tugend bestimmt wird.“ Diese Auffassung Holbachs war die aller Enzyklopädisten. Der Glaube, zur materiellen, politischen und geistigen Befreiung der Menschheit Großes beizutragen, ist der euphorischen naturwissenschaftlichen Neugier jener Zeit unveräußerlich – und das entscheidende Motiv Diderots, die Enzyklopädie zu wagen trotz ihrer Unvollendbarkeit.

Eine strikte Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften kommt in ihr nicht vor. Man ordnete das Wissen vielmehr bestimmten Grundkräften des menschlichen Intellekts gemäß: Gedächtnis, Einbildungskraft, Vernunft (logische Operationen). Unter Gedächtnis etwa wurde sowohl heilige Geschichte, Profangeschichte als auch Naturgeschichte abgehandelt, unter Vernunft sowohl Theologie, Logik, Moral, Psychologie als auch sämtliche Zweige der Mathematik und Physik, unter Einbildungskraft fielen vornehmlich die Künste. Wie aber der Intellekt erst wirklich begreift, wenn Gedächtnis, Einbildungskraft und Vernunft sich wechselseitig durchdringen, so will die Enzyklopädie dartun, daß humaner Fortschritt nur dann gelingt, wenn die einzelnen Wissenschaften einander wechselseitig voranhelfen und die Besinnung auf ihre Zusammengehörigkeit nicht unterbleibt. Logik läuft leer ohne Anwendung auf die Geheimnisse der Natur, Moral bleibt abstrakt ohne Rücksicht auf Beschaffenheit und Lebensbedingungen der Individuen, Naturwissenschaft wird beschränkt, wenn sie nicht aufs Handwerk schaut und sich nicht als Unterpfand und Unterbau menschlicher Emanzipation begreift.

Die Enzyklopädie ist ein epochales Modell: sowohl einer solidarischen Menschheit als auch des modernen wissenschaftlichen Betriebs. Daß beide einander ausschließen könnten, daß die Verknüpfung der Einzelwissenschaften mit Technik und untereinander nicht nur schubartige Entfesselung menschlicher Verfügungsgewalt, sondern auch Selbstfesselung der Menschen bedeuten würde – das ließen sich die Enzyklopädisten nicht träumen. Sie machten die Rechnung ohne den Wirt – das Privateigentum an Produktionsmitteln. Die Verbindung von Naturwissenschaft und Handwerk, die ihnen vorschwebte, wurde in der großen industriellen Maschinerie zwar konkret. Aber der Reichtum, den sie bescherte, fiel nicht der Menschheit zu, sondern den Maschinenbesitzern. Nicht, um Elend zu beseitigen, sondern um Waren billiger zu machen, nahmen sie den wissenschaftlichen Pioniergeist in Dienst. So definierten sie ebenso unwissenschaftlich wie folgenreich, nämlich durch die Tat, den Sinn von Wissenschaft: Nur soweit sie der Plusmacherei dient, darf sie auch der Menschheit dienen.

Die Humboldtsche Universitätsidee ist ein einziges Sich-Sträuben dagegen: der Versuch, Wissenschaft rein zu erhalten gegen ihre industrielle Anwendung. Aus der unschuldigen Sicht der Enzyklopädisten ein unsinniges Unternehmen: Erst durch Anwendung kommt Wissenschaft den Menschen zugute! Doch ein halbes Jahrhundert später liegen die Dinge anders. Humboldt ahnte, daß die Art ihrer Anwendung, die im großen Stil erst bevorstand, anderes fördern würde als Freiheit, Tugend und Glück. Allseitige Entwicklung der Individuen durch Wissenschaft? Ja, unbedingt – aber jenseits des gewöhnlichen Wirtschafts- und Berufslebens – im Schonraum Universität, wo es einzig darum zu tun ist, „Wissenschaft als solche zu suchen“, sich ihr als dem „Stoff der geistigen und sittlichen Bildung ... hinzugeben“.