Von Fritz J. Raddatz

Als ich sie kennenlernte, tranken wir Tee mit Hannah Arendt in deren New Yorker Apartment am Riverside Drive. Als ich sie das letzte Mal besuchte, tranken wir Tee in ihrer schönen Pariser Wohnung in der Rue de Rennes mit Howard Hawks, der ihren Roman "Kannibalen und Missionare" verfilmen wollte: Mary McCarthy war mondän im besten Sinne des Wortes – weltgewandt, gebildet, bissig und gastlich. Man konnte mit ihr Loup de Mer am Strand von St. Tropez essen, über Tolstois Prosatechnik des Einbeziehens von Klatsch diskutieren oder auf irgendeiner internationalen Schriftstellerkonferenz über John Updike streiten: Immer war sie beides – loyale Kollegin und angriffslustige Widersacherin. Vielleicht hat ihr das die alberne Etikettierung Norman Mailers, "Our First Lady of Letters", eingetragen.

Die Karriere der jetzt im Alter von 77 Jahren in New York gestorbenen Mary McCarthy ist auf den ersten Blick die der typischen Ostküsten-Intellektuellen: ein bißchen jüdisch, ein bißchen protestantisch, ein bißchen wohlhabend-bürgerlich und – qua Elite-Universität – ein bißchen europäisch. In Ihrem Fall war es das vornehme Vassar College, das sie schließlich in ihrem Erfolgsroman "Die Clique" verewigte. Geholfen hat wohl auch die (zweite) Ehe mit dem – das nächste platte Label – "Doyen der amerikanischen Literaturkritik" Edmund Wilson, der sie anfangs zu den berühmt gewordenen Essays in der Partisan Review ermunterte und später auch zum eigenen Schreiben; das mag er dann bereut haben – in ihrem Roman "Der Zauberkreis" taucht ein grobschlächtig unattraktiver Intellektueller namens Miles Murphey auf, der "ein zweiter Goethe werden wollte und es bloß zum Halbschriftsteller brachte": deutlich ein Portrait Edmund Wilsons dessen boshafte Verse über Zeitgenossen ("The next one on the list is Malcolm Cowley / Who edited The New Republic so foully") sie publik gemacht hatte.

Derlei begründete ihren Ruhm – und derlei war der Grund für das faszinierende Scheitern der Schriftstellerin Mary McCarthy: Sie beklagte in ihrem furiosen Essayband "Ideas and the Novel" anhand der Beispiele etwa von Stendhal oder Dostojewski den späteren Niedergang des Ideenromans, der universelle, mitreißende oder erschreckende Visionen formulierte; aber genau diese Forderung konnte sie in der eigenen Prosa nicht einlösen. Jene "Theorie des Klatschs" – "Was wäre "Anna Karenina’ ohne Klatsch?", "Wenn der Atem des Skandals es nicht gestreift hat, ist das Buch kein Roman" steht im Essay "The Fact in Fiction" – diese Theorie ließ ihre eigenen Bücher nicht wirklich gelingen.

Ich erinnere mich – einer meiner kapitalen "Fehler"; denn das Buch wurde ja ein Riesenerfolg – der eigenen Enttäuschung, als ich das Manuskript des Romans "Die Clique" für den Rowohlt-Verlag las und schließlich ablehnte. Damals kannte ich Hilton Kramers Satz noch nicht: "Die Wahrheit ist – man traut sich’s kaum zu sagen –, daß Mary McCarthy überhaupt keine Romane schreiben kann. Ihr fehlt die wesentliche Gabe zur Erfindung. Sie kann sich andere Menschen gar nicht ausdenken."

Man hat so viele scharfe Sentenzen von ihr im Gedächtnis – aber keine Figur. Unvergeßlich ihr Diktum über O’Neills "Der Eismann kommt": "O’Neill ist vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der immer noch über den Eismann-Witz lachen kann"; und unübertrefflich jene Dünnlippigkeit, mit der sie in Dick Cavetts Talk-Show über die mit den Erfolgsinsignien Fifth-Avenue-Apartment und Private Beach vor dem Sommerhaus auf Martha’s Vineyard ausgestattete, also deutlich überlegene "Konkurrentin" Lillian Hellman sagte: "Miss Hellman ist eine schlechte Schriftstellerin, überbewertet und unredlich. Jedes Wort, das sie schreibt, ist eine Lüge, einschließlich ‚und‘ und ‚es‘." In Amerika ist alles teurer – Mary McCarthy wurde von der Bühnen- und Drehbuchautorin auf zweieinhalb Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. Sagte ich derlei über den Nachwuchsdramatiker Hellmuth Karasek, wäre es wohl preiswerter.

Mary McCarthy hat aber auch die eigene Schriftstellerposition ständig mitdefiniert. Da liegt ihre Brillanz wie ihre Schwäche (als Hannah Arendt nach Anhören des Vortrags "Kunstwerk und Kunstmarkt" riet, da läge der Stoff für einen Roman – wurde aus dem überzeugenden Essay der unüberzeugende Thriller "Kannibalen urd Missionare"). So sagte sie gnadenlos über sich: "Ich schere mich einen Dreck um diese ganze Selbstmitleids-Arie. Ich bin nicht dumm genug zu glauben, daß die Beziehung zwischen zwei Menschen durch völlige Gleichheit zugeglättet ist – einer gibt immer mehr." Nur: Sie hat die Portrait (zum Beispiel ihrer Ehemänner) und die Selbsportraits wohl zu genau an der Realität entlang gezeichnet; jeder wußte – sie ist die Meg in "Se und die anderen" und Martha in "Der Zaubeikreis" und Kay in "Die Clique".