Von Optimismus ist in den deutschen Börsensälen derzeit nicht viel zu spüren. Die durch den Mini-Crash vom 16. Oktober entstandene Verunsicherung hält an. Kurssteigerungen werden benutzt, um noch vorhandene Gewinne zu realisieren. Ein Teil der Fonds ist offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt worden und hoch in Aktien investiert. Der Abbau der Bestände stößt mangels Anlagebereitschaft auf Schwierigkeiten. Hinzu kommt, daß der Markt etliche Kapitalerhöhungen zu bewältigen hat. Darunter die von Daimler, bei der es immerhin um knapp zwei Milliarden Mark geht. Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Übernahme von MBB auf immer neue Widerstände trifft.

Sonderbewegungen, wie sie in den vergangenen Wochen zur Belebung des Aktiengeschäfts geführt hatten, sind selten geworden. Immerhin sorgten die Vorgänge um die Zulassung der Deutsche-Bank-Aktien an der Börse in Tokio für eine gewisse Phantasie in den Papieren der Banken. Die Aufdeckung der zehnprozentigen Beteiligungen der Deutschen Bank an der Allianz-Holding und der Münchener Rückversicherung hat zu Spekulationen darüber geführt, daß auch andere Banken derartige Perlen in ihren Portefeuilles liegen haben könnten.

Auf der anderen Seite werden die Finanztitel durch die Zinsdiskussion belastet. Die neuesten Daten über die Geldwertentwicklung in der Bundesrepublik haben die Furcht vor weiteren Restriktionen der Bundesbank wachsen lassen. Der Zinsgipfel werde möglicherweise erst im kommenden Jahr erreicht werden, heißt es in Kreisen der Rentenmarktexperten. Das ist auch der Grund, warum festverzinsliche Papiere zur Zeit nicht als Anlagealternative zu den Aktien betrachtet werden. Beliebter sind dagegen die hochverzinslichen Termineinlagen, bei denen sich gegenwärtig risikolos Geld verdienen läßt. Liquidität ist Trumpf!

Unter diesen Umständen haben Absichtserklärungen wie die von Bundeswirtschaftsminister Haussmann, von 1991 an die leidige Börsenumsatzsteuer abschaffen zu wollen, auf die Börsentendenz nur sehr begrenzte Auswirkungen.

Der Faktor Innenpolitik spielt bei den Anlagedispositionen eine wachsende Rolle. Er trägt dazu bei, daß der Börsenhandel immer kurzatmiger wird. Dies allerdings auch wegen der bevorstehenden Tarifverhandlungen. Den Gewerkschaftstag der IG Metall in Berlin haben einige Banken zum Anlaß genommen, ihre bisherigen positiven Gewinnschätzungen für 1990 – und erst recht für 1991 – zu überdenken. K. W.