Vor zehn Jahren beschloß der Deutsche Bundestag fast einstimmig ein Polarforschungsprogramm. Seitdem wurde knapp eine Milliarde Mark dafür ausgegeben. Warum leisten wir uns eine aufwendige Polarforschung? Die Argumente haben sich gewandelt, alte sind in den Hintergrund getreten — etwa der Traum von einer deutschen Fischerei in der Antarktis. Andere sind neu hinzugekommen wie Ozonloch, Treibhauseffekt, politische Öffnung in der Arktis.

Unter dem Eindruck der Prognosen des Club of Rome über die Verknappung der natürlichen Ressourcen und enttäuscht vom Ausgang der Seerechtskonferenz (mit ihren für uns negativen Konsequenzen für Fischerei und Meeresbergbau) wollte sich die Bundesregierung ein Mitspracherecht in der Antarktis sichern. Sie war bereit, den im Antarktisvertrag genannten Preis in Form kontinuierlicher Forschung zu bezahlen. Sie suchte sich dabei nicht die billigste Lösung, sondern baute die Polarstern, das beste Polarforschungsschiff der Welt, und das Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung.

Anfangs spielten Krill, Fisch und die möglichen Bodenschätze eine große Rolle bei den Forschungsprogrammen. Später gelang es uns, wesentlich mitzuwirken bei der Abfassung zweier Ressourcen Konventionen. Die erste dient der Erhaltung der Bestände des Krills und der Fische. Sie ist bereits seit Jahren in Kraft. Mittlerweile gehört auch die Sowjetunion, als wichtigste antarktische Fischereination dazu.

Die zweite Konvention betrifft die in der Antarktis vermuteten Bodenschätze. Allerdings haben die geologischen und geophysikalischen Untersuchungen bisher keinen Anhalt dafür geliefert, daß in den nächsten Jahrzehnten irgendwo abbauwürdige Lagerstätten von Kohlenwasserstoffen oder begehrenswerten Mineralien erschlossen werden könnten. Das Minerahen Regime wurde in den Jahren 1981 bis 1988 zwischen den wichtigsten westlichen und östlichen Industriestaaten und den großen Entwicklungsländern Asiens und Südamerikas ausgehandelt, um eine Lücke im Antarktisvertrag zu schließen, der Frieden, freie Forschung und Umweltschutz am sechsten Kontinent sichert. Aus der Sicht des antarktischen Umweltschutzes ist das Mineralien Regime durchaus zu begrüßen. Das ungeregelte Handeln einzelner Explorationsfirmen wird damit verhindert. Auf der anderen Seite verlängert es das Moratorium gegen Exploration. Den Beginn etwaiger Ressourcen Aktivitäten macht es von der Zustimmung aller KonsultativStaaten abhängig. Ein noch nicht erreichter hoher Umweltstandard wird möglich und die Regierungen für deren Einhaltung verantwortlich.

Die australische Regierung, gefolgt von der französischen, erklärte im Frühjahr überraschend, daß sie die Konventionen nicht unterzeichnen wollen. Die Konsultativ Staaten haben daraufhin bei ihrer Sitzung im Oktober beschlossen, die Fragen des antarktischen Umweltschutzes bei einer Sondertagung in Santiago de Chile zu behandeln.

Die Bundesregierung gilt inzwischen als wichtiger und unabhängiger Partner des Antarktisvertrages. Bei allen Verhandlungen der Konsultativrunde fordert sie die Sicherung freier Forschungsaktivitäten unter strengen Kautelen des Umweltschutzes. Auch am Nordpol, in der Arktis, hat unser wissenschaftliches Engagement erste Früchte getragen. Als Michail Gorbatschow im Oktober 1987 erstmalig zu einer internationalen Kooperation in der Arktis einlud, hatte er nur die Arktisanrainer, besonders die USA und Kanada, im Blick. Die Bundesrepublik war aber durch die Poetabliert, daß wir die Exklusivität des jetzt in Gründung befindlichen arktischen Forschungsrates aufbrechen konnten: Unser Land und in seinem Gefolge Großbritannien und Frankreich werden künftig ein Mitspracherecht bei der wissenschaftlichen Programmgestaltung in der Arktis haben. Eine weitere politische Aufgabe der Polarforschung ist die Stärkung der internationalen Kooperation. Wir pflegen die Zusammenarbeit mit den früheren amerikanischen und sowjetischen Instituten und innerhalb Europas. Die European Polarstern Study und das gemeinsame Unternehmen mit dem sowjetischen Forschungsschiff Akademik besonders freuen wir uns, Wissenschaftler aus jenen Ländern an Bord zu haben, die sich aufwendige Polarforschung nicht leisten können, aber von ihr nicht ausgeschlossen sein möchten. Eine solche Partnerschaft trägt zur Stützung des Antarktisvertrages bei.

Die Verzahnung von Wissenschaft und Politik wird in Zukunft noch stärker werden, wenn wir über die globalen und regionalen Umweltprobleme zu großen Forschungs- und Überwachungsprogrammen kommen. Wir müssen gemeinsam akzeptierte Prognosen und Empfehlungen erarbeiten, die internationale Maßnahmen mit Konsequenzen für den einzelnen Staat und seine Bürger auslosen. Die Einschränkung der Produktion von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) ist erst ein kleiner Anfang.