Ein Photo aus dem Jahre 1961 zeigt den Maler Bernhard Heisig im Gruppenbild mit dem damaligen SED-Chef Walter Ulbricht, den er durch die 6. Bezirkskunstausstellung in Leipzig begleitete. Die kritischen Blicke des Parteisekretärs und seiner Entourage ließen nichts Gutes vermuten. Und in der Tat hatte Ulbricht dem Maler angesichts seiner dort ausgestellten Darstellungen der Pariser Commune von 1871 herbe Kritik erteilt. Diese Kommunarden, so nörgelte er vor den Bildern, stürmten nicht vorwärts, sondern sie sähen aus wie das letzte Aufgebot, zum Scheitern verurteilt. Das Wesen eines Historienbildes sei es, so der damals erste Mann im Staat DDR, „die fortschrittlichen Menschen als Helden und Gestalten der Geschichte zu zeigen“.

Heisig, dessen Bilder eine eigenwillige und persönlich betroffene Geschichtsinterpretation verrieten, war tief verunsichert. 1964 entwarf er eine neue Fassung der stürmenden Kommunarden. Jedoch an diesem Bild entzündete sich eine noch heftigere Diskussion. Das Gemetzel zwischen Arbeitern und Truppen, die Greuel und Schrecken, die Montage verschiedener Erzählebenen, die Verquickung von Geschichte und persönlicher Erinnerung, und alles ohne das staatlich eingeforderte Revolutionspathos, mußten das sanktionierte marxistisch-leninistische Weltbild empfindlich stören. Man warf ihm in der Form „animalisch triebhafte Zuckungen“, im Inhalt „subjektivistische“ Weltsicht vor. Der Tadel saß. Heisig übermalte das Bild. Später zerstörte er es. 1964 gab er seine Stellung als Rektor der Hochschule für Graphik und Buchkunst auf.

Die Einwände des offiziellen Vertreters der Politik und Heisigs Reaktion darauf sind in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Heisig befand sich ganz offenbar im Gegensatz zum damals geforderten positiven, sogenannten humanistischen und vor allem realistischen Geschichtsbild. Dabei lagen die Wurzeln seiner Kunst eindeutig in der deutschen gegenständlichen Malerei. Adolph Menzel, Max Beckmann, Lovis Corinth und Oskar Kokoschka sind die von ihm immer wieder genannten künstlerischen Vorfahren. Insofern erfüllte er die Bedingungen eines für den Sozialismus schaffenden Künstlers. Im übrigen war er seit 1948 Mitglied der SED. Was ihn aber damals verdächtig machte, waren seine anarchisch anmutenden Bildkompositionen, in denen er in einer eigentümlichen Collage verschiedenster Elemente ein sehr persönliches Geschichtsbild entwarf, das kompliziert und zersplittert, eher surreal als realistisch war und, wild und ungebändigt, die persönliche Betroffenheit des Malers, nicht die programmatische Botschaft des Staates in den Vordergrund stellte.

Wenn Heisig heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach diesem Vorfall, wieder in Amt und Würden ist, zudem 1976 als Direktor an die Leipziger Hochschule zurückkehrte und seit Jahren als offizieller Vertreter der zeitgenossischen DDR-Kunst auf internationalen Ausstellungen erscheint, verdankt er das nicht nur dem „Kulturklima“, das sich in den siebziger Jahren gewandelt hat. Und auch nicht nur seinem persönlichen Einsatz. Bernhard Heisig verdankt ganz offenbar auch seine von staatlichem Wohlwollen getragene Stellung einem künstlerischen Kompromiß.

Es ist für einen Besucher der großen Heisig-Retrospektive in der Berlinischen Galerie nicht leicht, sich nach der so unterschiedlich verlaufenden westlichen Kunstgeschichte mit einer zeitgenössischen deutschen Historienmalerei auseinanderzusetzen, die sich mit den politischen Forderungen ihres Staates in Einklang befindet, ja, sie sogar propagiert. Dafür sind im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in Europa die Brüche zwischen staatlich sanktionierter Kunst und den Avantgarden zu heftig gewesen. Ist es für uns heute überhaupt noch möglich, uns eine zwischen künstlerischem Individuum und staatlicher Anforderung verbindliche und künstlerisch überzeugende Bildersprache vorzustellen, die das Peinliche des Verordneten hinter sich läßt? Man könnte hier auf den etwas belasteten Begriff des Hofkünstlers zurückverweisen, der in Renaissance und Barock und in Deutschland bis ins Wilhelminische 20. Jahrhundert hinein eine den Fürsten und den Staat verherrlichende Auftragskunst geschaffen hat. Daß viele der fast ausnahmslos in herrscherlichem Auftrag geschaffenen Kunstwerke zu den größten Errungenschaften der Kunstgeschichte gehören, ist dabei keine Frage. Das alles ist Geschichte. Und dennoch: daß heute im Palast der Republik, an eben der Stelle, an der sich vorher das preußische Königsschloß befand, auch Heisigs Bilder programmatisch sozialistische Weltsicht vorführen, gibt zu denken.

Bernhard Heisig bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen individueller Welterfahrung und gesellschaftlicher Verantwortung. Das ist eine oft heikle Wanderung, die sich manches Mal konventioneller Mittel bedienen muß. Dabei verlagert sich der eigentliche schöpferische Prozeß zunehmend auf den Einsatz der Farbe, deren manchmal fast unerträgliche Explosionskraft oft im Gegensatz zum Inhalt des Bildes steht. Die Farbe wird, in ihren grellen Kontrasten und ihrer schieren Materialität, auch zum Thema des Bildes.

Heisig ist diesen Weg, den man auch einen Kompromiß nennen kann, wohl ganz bewußt eingegangen. Nicht anders ist seine Bemerkung in einem Interview zu verstehen, daß für ihn gerade die Konvention auch künstlerische Freiheit bedeuten könne. Heisig hat 1978 erneut eine Fassung der Pariser Commune hergestellt und dabei Ideen seines ehemals zerstörten Bildes wieder aufgegriffen. Diesmal wählte er die Form eines das historische Geschehen sakralisierenden Triptychons. Es ist darum nur konsequent, wenn der hochgeehrte Künstler und Lehrer, der offizielle Vertreter der DDR-Kunst, Staatspreisträger und im westlichen Kunstbetrieb seit langem verankerte Maler heute nicht ohne Stolz von der Chance spricht, an einem Weltbild mitzuarbeiten. (Berlinische Galerie im Martin-Gropius-Bau, bis 31. Dezember; Katalog in der Ausstellung 48 Mark, im Buchhandel 98 Mark.) Barbara Gaehtgens