Jeden Herbst, kurz nachdem auf dem Frankfurter Messegelände die Bücher wieder eingepackt und die Seufzer über die Malaisen der Branche verklungen sind, macht seit nunmehr 22 Jahren auf dem nicht weit entfernten Mainzer Lerchenberg ein anderes Medium Bestandsaufnahme: Das ZDF lädt ein zu den Mainzer Tagen der Fernsehkritik, einer weit weniger öffentlichen Veranstaltung wie die Frankfurter Buchmesse, aber ein ebenso zuverlässiger Indikator für die Befindlichkeiten und Veränderungen des Gewerbes.

Wer die Mainzer Tage mehr oder weniger regelmäßig besucht hat, konnte die Etappen mit den Jahren miterleben: Zu Zeiten der unangefochtenen Machtposition des öffentlich-rechtlichen Fernsehens diskutierten Journalisten, Kritiker, Drehbuchautoren und Programmacher über Grenzen und Wirksamkeit des Mediums, über Programmreformen und Präsentationsarten, über Rezeption und Zuschauerverhalten, Erziehung und Bewußtseinsbildung.

In den frühen achtziger Jahren dann die Verstörtheit über die Revolution auf dem Mediensektor, dem von Politik und Wirtschaft freigeschlagenen Vormarsch der Privaten. In ihren Beiträgen ruderten die Redner zwischen Beschwörung ihres Öffentlichkeitsauftrages und nostalgisch-gebrochener Nabelschau, geißelten sie die Schamlosigkeit des Parteienzugriffs und den Terror der Einschaltquoten, jammerten über die Schere im eigenen Kopf und den verhüllten Druck von oben und außen.

Die Mainzer Tage drohten in Larmoyanz zu versinken, jedes Jahr wurde bezweifelt, ob sie im nächsten überhaupt stattfinden würden, und an ihnen teilzunehmen schien ebenso sinnlos wie die Hoffnung, daß die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre kopflose Eilfertigkeit, in der sie dem vermuteten Sog der Privaten zuvorzukommen hofften, durch gelassene Aufmerksamkeit ersetzen würden.

In diesem Jahr nun schien sich ein Wechsel anzudeuten, nach der Phase der sichtlichen Verstörtheit erste Ansätze eines trotzigen Widerstandes gegen die Depressionen der Niederlage im oktroyierten Medienkrieg. Sind nicht Einschaltquoten, Politikerzugriff, Finanznöte, Werbeeinbußen, die Abwanderung von Kollegen zur privaten Konkurrenz (die frühere Schamgrenze wird um so niedriger, je öfter solche Wechsel stattfinden), die Behinderung durch die eigenen Vorgesetzten so selbstverständlicher Alltag, daß über sie zu reden schon gar nicht mehr lohnt?

Statt dessen ließ das Thema hoffen, daß endlich wieder die Chance und Würde der eigenen Profession zur Sprache käme: "Toleranz – Tabu-Totalitat. Die gereizte Gesellschaft" – bei Nichtachtung des bombastischen Anspruchs, der sich hinter den stotternden Alliterationen verbarg, immerhin ein Thema, das die schönsten Assoziationen zuließ: den vor Langeweile gereizten Zuschauer, dem der öffentlich-rechtliche Verlautbarungsjournalismus die Gähntränen in die Augen treibt, genauso wie die – anderer Blickwinkel – Gereiztheit der gleichen Rezipientengruppe über die Anmaßung eines Mediums, das sich seine Skandale bei Todesgefahr für die Betroffenen selber schafft – viel diskutiert beim Gladbecker Geiseldrama. Oder eine Gesellschaft, die mit erzürnter Aufmerksamkeit auf die immer wieder und aufs neue aufgedeckten Skandale in Politik und Industrie reagiert, von Barschel-Affäre über Nukem-Skandal, Wackersdorf-Farce und Parteien-Bestechung bis hin zu den Vertuschungsversuchen bei Atomunfällen und Umweltskandalen.

Vielleicht aber würde auch einmal die Gereiztheit der Journalisten gegen das eigene Medium durchschlagen: der Aufstand der Bresser, Pleitgen, Lindlau gegen Zeitverkürzungen und Maulkörbe in Magazinen und Reportagen, der Rosenbauer, Witte und Willms gegen Programmplatzänderungen oder drohende Streichung kultureller Beiträge (darunter, wie gemunkelt, das Literarische Quartett), würden gar einmal öffentlich Details genannt über die Wirksamkeit der – Pars pro toto – Herren Oeller, Feller, von Lojewski, über die sonst nur in nächtlichen Bargesprächen und hinter vorgehaltener Hand berichtet wird.