Prediger führen Kirchen wie Manager

Von Peter De Thier

Am Umsatz gemessen, ist die Kirche schließlich das fünftgrößte amerikanische Unternehmen“, begründet Joe Dixon, ein katholischer Priester aus Detroit, das umsatzorientierte Denken seiner Kirche. Der Kirchenvorstand der „First Church of Christ“ hat es anderen in New York, Los Angeles und Chicago nachgemacht und zwei frischgebackene Havard-Absolventen eingestellt, die sich auf „Marketing im religiösen Gewerbe“ spezialisiert haben. Sie sollen, so heißt es im Dienstvertrag, „neue Mitglieder werben und durch innovative Vorschläge zur Produktdiversifikation der First Church of Christ zu einem größeren Marktanteil verhelfen“.

Obwohl es einigen Klerikern die Haare zu Berge stehen läßt, neigen immer mehr amerikanische Kirchen dazu, sich unternehmerischen Prinzipien zu verschreiben. Pfarrer Aaron Henry aus Chicago meint zynisch, „daß wir in unserem Beruf doch Gott zu dienen haben und uns nicht an irgendwelchen Bilanzbögen orientieren dürfen“. Ein Trend, der bereits gut fünfzehn Jahre anhält, macht die Marketing-Anstrengungen der Gottesmänner verständlicher: Seit 1974 sind fast drei Millionen Amerikaner aus der Kirche ausgetreten. Die Einnahmen aus der Kirchensteuer sind folglich gesunken, und auch die Spendierfreudigkeit der verbleibenden Mitglieder, etwa vierzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung, hat spürbar nachgelassen. „Wir kämpfen um unsere Existenz“, meint Joe Dixon, „und da die schwer verschuldeten öffentlichen Haushalte nicht aushelfen können oder wollen, bleibt den Kirchen keine Wahl, als sich neuer Methoden zu bedienen.“

Schlagwort Kundennähe

Davon bleiben nur wenige Glaubensrichtungen verschont. „Der Mitgliederschwund hält sich lediglich bei den Katholiken in Grenzen“, stellt Lyle Schaller fest, der bereits dreißig Bücher über „Kirchenmanagement“ geschrieben hat. Dort seien die jährlichen Einnahmen stagniert, nicht aber geschrumpft, „so wie in anderen Sparten des religiösen Gewerbes, beispielsweise dem Protestantismus.“ Viele jüdischen Gemeinden, so der Branchenexperte, haben sogar die Konjunkturkrise ungeschoren überstanden. „Synagogen haben aus Tradition eine Bedeutung, die über die Seelsorge weit hinausgeht“, analysiert Schaller die Situation. „Sie sind gleichzeitig für viele Gläubige eine Art gesellschaftlicher Treff.“ Die allgemeine Vertrauenskrise in der Religion würde daher die jüdische Gemeinde weniger stark treffen.

Für die fast mysteriöse Abkehr vieler Amerikaner vom Glauben machen Soziologen und Religionswissenschaftler mehrere Faktoren verantwortlich. „Materialistisch eingestellte Yuppies und Baby-Boomer messen der Religion fast gar keine Bedeutung mehr bei“, vermutet John Stearns von der Stanford-Universität. „Sonntags morgens geht man lieber auf den Golfplatz, als einen Gottesdienst wahrzunehmen.“ Außerdem würde es an der „Kundennähe“ mangeln. „Die Kirchen fühlen sich immer mehr verpflichtet“, so erklärt sich Lyle Schaller die Entwicklung, „soziale Aufgaben wahrzunehmen.“ In einem Land mit steigender Obdachlosigkeit und fast dreißig Millionen Bürgern, die am Rande der amtlich festgelegten Armutsgrenze leben, würde der Klerus dort einschreiten, wo die Sozialpolitik versagt hat. „Doch der klassische Kirchenbesucher“, weiß John Stearns zu berichten, „gehört dem Mittelstand an, hat seine Existenz bereits finanziell abgesichert und möchte von Armut und Hungersnot nichts wissen.“