Von Christopher Harvie

Islington, wo ich wohne, wenn ich in London bin, ist vom Britischen Museum nur eine halbe Stunde Fußweg entfernt, von der St.-Paul’s-Kathedrale nur zwanzig Minuten. Es ist eine Gemeinde mitten in der Stadt. Die meisten Bewohner Islingtons leben in städtischen Wohnanlagen, die im Zuge der Stadtsanierung oder nach den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges hochgezogen wurden. Das hat zur Folge, daß sich der Gemeinderat fast ausschließlich aus Mitgliedern der Labour Party zusammensetzt. Von den beiden Unterhausabgeordneten gilt einer als Linksaußen: Der andere, Chris Smith, ist ein Hoffnungsträger der gemäßigten Linken und dazu der einzige Abgeordnete, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Islington ist eine rote Insel in der tief schwarz-blauen See des englischen Südostens – Margaret Thatchers Reich.

Die politsche Radikalität Islingtonsteilen auch die ungefähr zwanzig Prozent der Hauseigentümer ein, die jene georgianischen oder frühviktorianischen Häuserblocks bewohnen, welche die Lücken zwischen den städtischen Häuserreihen ausfüllen. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Islington von den beredten Klassen entdeckt – von Akademikern, Journalisten, Werbeleuten und Angestellten der BBC. Sie erkannten, daß sie in Islington sowohl billig wie auch ganz in der Nähe des Londoner Stadtzentrums und der Fleet Street wohnen konnten. George Orwell war einer der ersten, die eine Wohnung am Canonbury Square anmietete. In den sechziger Jahren begann dann ein echter „Gentrifizierungs“-Prozeß, als die öffentliche Kontrolle der Mietpreise eingeschränkt wurde. Butlers Kinder – Produkte des Erziehungsreformgesetzes, das Bildungsminister Richard Austin Butler im Jahre 1944 durchsetzte – kauften jetzt Häuser. Wer in den sechziger Jahren bereit war, es mit einem nachlässigen Stadtrat aufzunehmen, konnte ein doppelgeschossiges Reihenhaus mit Keller für weniger als tausend Pfund erwerben. Heute, zu einer Zeit, da London aus ganz anderen Gründen eine Hochkonjunktur erfährt, könnte dasselbe Haus eine Viertelmillion Pfund wert sein (etwa 750 000 Mark).

Im Süden Islingtons befindet sich die Redaktion des linksliberalen Guardian, der im Jahre 1957 von Manchester nach London gezogen war: Das liberale Bewußtsein faßte unsicher Fuß am Rande der erzkonservativen City. Zur Zeit des Swinging London galt die City als muffig und spießig und das „alternative“ London als aufregend und interessant. Unter Mrs. Thatcher haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Baukräne spicken die City, wo die Säuglinge von 1968 heute bei Termingeschäften sechsstellige Vermögen scheffeln, während die Künste und die Wissenschaften ums nackte Überleben kämpfen.

Die Karikaturistin Posy Simmonds hat für den Guardian während der letzten zehn Jahre eine Comic-Strip-Reihe gezeichnet. Auf der Frauenseite abgedruckt, lieferte die Serie einen ironischen Kommentar zu dieser ideologischen Wandlung in der englischen Bourgeoisie. Begonnen hatte alles mit den „Stillen Drei“ („The Silent Three“), einer Satire in Fortsetzungen über drei Mädchen. Inzwischen Enddreißigerinnen, hatten sie früher dasselbe teure Internat besucht. Wendy Weber wird Krankenschwester, heiratet einen Dozenten am Polytechnikum, hat fünf Kinder, zum damaligen Zeitpunkt zwischen drei und achtzehn Jahren. In der ihr verbleibenden Freizeit schreibt sie Kindergeschichten. Trish Wright heiratet, nachdem sie in einer Kunstgalerie gearbeitet hat, einen Werbefachmann und hat ein Kind. Jo heiratet einen Whiskyverkäufer namens Edmund Heep und wird mit ihren zwei Kindern grüne Witwe. Jo Heep verabschiedet sich ziemlich bald aus der Geschichte. Edmund nicht, dafür aber jegliche Art von durchgängiger Handlung. Die meisten der Zeichengeschichten spiegeln die Wechselfälle des Schicksals im Leben der Webers und Wrights mit einem scharfen Auge für Gepflogenheiten, life style, Kinder, Politik, Autos, Wohnen und kulturelle Vorlieben.

Die Webers könnten – abgesehen davon, daß sie eine ungewöhnlich vielköpfige Familie sind – typische Guardian-Leser sein. George, eine Art englischer Apo-Opa, hält geisteswissenschaftliche Vorlesungen an seiner Hochschule und neigt dazu, sich im undurchdringlichen Sprachduktus des Strukturalismus zu artikulieren. Das steht ganz im Gegensatz zu seinen geradlinigen Labour-Ansichten, ein Erbe seiner proletarischen Herkunft, und zu den defensiven Schach- und Winkelzügen, die ihm an seinem Institut abgefordert werden. Wendy, mit Oma-Brille, wilden Frisuren und Laura-Ashley-Kleidern, ist eine britische „Grüne“. Der Lebensstil der Webers hat sich seit den sechziger Jahren nicht geändert: Möbel von Habitat, Kleider von Marks & Spencer und Lebensmittel von Sainsburys, Und er ist seither offensichtlich nicht wesentlich gestiegen – ekelhaft in den Augen ihrer ältesten Tochter Belinda. Belinda, 19, gutaussehend, hat soeben einen City-Finanzmakler geehelicht, was ihr einen Saab und ein Penthouse in den Londoner Docklands beschert.

Belinda verträgt sich, was nicht überrascht, ganz gut mit Stanhope Wright, Ehemann von Trish. In seiner Eigenschaft als „kreativer Kopf“ der Werbeagentur Beazeley and Buffin beschäftigt er sich vor allem damit, seine Kolleginnen und weiblichen Bekannten ins Bett zu kriegen. Währenddessen kümmert sich Trish, seine zweite Frau, um den kleinen Sohn Willy, um Stanhopes Mutter, die sich dem Schutz der Raubtiere verschrieben hat, und um Jocasta, Stanhopes Tochter aus erster Ehe.