Von Petra Kipphoff

Säulen bersten, Torbögen stürzen ein, Architrave segeln durch die Luft, Kapitelle purzeln wie Fallobst. Und zwischen all dem entsetzlichen Geschehen die von Angst und Schmerz verzerrten Gesichter und Gliedmaßen jener muskelbepackten Gestalten, die doch so grobianisch wiederstandsfähig aussehen, aber in diesem Beben keine Chance haben. Denn diejenigen, die diesen Untergang angezettelt haben, schweben drohend triumphierend über dem Desaster und kennen keine Gnade. Die Götter des Olymps zerstören die Titanen/Giganten, die es gewagt haben, sich gegen Zeus und sein Reich zu erheben.

Den Besucher, der in der Sala dei Giganti im Palazzo Te in Mantua steht, erfaßt ein leichter Schwindel angesichts dieses freskierten Dramas, das um ihn herum wogt und brandet und ihn mitzureißen scheint. Kein Fleckchen Wand oder Decke, das nicht bemalt ist in diesem Raum, in dem ein antiker Breitwandfilm abläuft, ohne Anfang und Ende. Alles stürzt durcheinander, gerät in den Strudel der Zerstörung, wird, wenn der Blick nach oben geht, schließlich überhöht durch das göttliche Treiben in den Wolken, das seinerseits von einer kühnen Trompe-l’oeil-Kuppel gekrönt ist, in der Zeus in Adlergestalt unter einem Baldachin herrscherliche Allmacht demonstriert.

Der Besucher, der in der Sala dei Giganti im Palazzo Te in Mantua steht, ist beeindruckt, aber nicht ganz so betroffen wie Giorgio Vasari, der unermüdliche erste Chronist der italienischen Kunst, der in seinen "Vite de’ piu eccelenti Pittori, Scultori e Architettori" (zuerst erschienen 1550) über Romanos Talente in den höchsten Tönen schreibt und seinen Augenzeugenbericht mit dem Ausdruck des Schauders beschließt: "Keiner kann sich vorstellen, jemals ein schrecklicheres, fürchterlicheres, realistischeres Kunstwerk als dieses gesehen zu haben."

Was Vasari so erschüttert hat, ist heute immer noch beeindruckend, aber eher in dem Sinne, wie uns der Besuch in den Universal Studios in Hollywood aufregt, wo die "Brücke vom River Quai" unter uns kollabiert und vor uns der "Weiße Hai" aus dem Wasser schießt. Denn das, was sich zum Beispiel auf einer vergleichsweise kleinen Leinwand von Hieronymus Bosch an apokalyptischem Grauen entfaltet, verstört uns mehr als die Breitwandtragödie der von Styropor-Säulen gefällten Schaumgummi-Riesen. Von "oberflächlichen Effekten" und einem ersten Beispiel "seelenloser Dekorationsmalerei" sprach sogar der strenge Italien-Liebhaber und Baseler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt. Aber wer in der Sala dei Giganti ein programmatisch und protestantisch apokalyptisches Werk sieht oder sehen möchte, der nimmt es aus seinem Kontext heraus und der sieht an ganz anderen Ansprüchen, die hier vorgetragen werden, vorbei. Giulio Romano, der den Palazzo Te entworfen, gebaut und mit Stuckierung und Wandmalereien ausgestattet hat, wollte mit diesem Raum, gemäß dem Wunsch seines Bauherrn Federico Gonzaga, zunächst etwas schaffen, was den durchreisenden Kaiser Karl V., von dem Gonzaga sich die Verleihung des Herzogtitels erhoffte, gebührend beeindrucken sollte.

Die Sala dei Giganti, situiert im rechten, rückwärtigen Eckraum des quadratischen, um einen Innenhof angelegten Palastes, war aber auch Teil eines großangelegten Architektur- und Bildprogramms, das Giulio Romano mit diesem Fest-, Lust- und Liebespalast für Federico Gonzaga verwirklichte. Durch die erotischen Turbulenzen des Amor-und-Psyche-Saals anhaltend animiert und den Anblick von Herrscher-Attitüden in der vorangehenden Saletta di Cesare bereits auf das Wirken höherer Gewalten eingestimmt, betritt man den Riesen-Raum; aus dem Drama der Giganten-Dämmerung wird man entlassen in die Heiterkeit dreier spielerisch dekorierter Kämmerchen.

Wenn Giulio Romano in seinem gigantischen Panorama-Bild die Titanen unter der einstürzenden Architektur begräbt, dann ist das aber auch, jenseits der für die Gegenwartspolitik benutzten Mythologie und des lokalen Kunstprogramms, ein kräftiger Hinweis in eigener kunstpolitischer Sache. Zum Einsturz hat Giulio Romano die Architektur der Antike und der Renaissance zwar nicht gebracht oder bringen wollen, aber er hat ihre Formen aufgebrochen und ihre Versatzstücke neu und spielerisch respektlos verwendet. Der Palazzo Te, das Hauptwerk dieses vielseitigen und ungemein produktiven Künstler-Unternehmers, ist ein Musterbeispiel dieser der Vergangenheit gleichermaßen verpflichteten wie sie vernichtenden Arbeitsweise, die Guilio Romano für die Nachwelt zu einem Herold des Manierismus hat werden lassen (heute würde man ihn einen Dekonstruktivisten nennen). Der am südlichen Stadtrand von Mantua gelegene anderthalbstöckige Palast wächst nicht in die Höhe, sondern entfaltet sich, streng nach außen und locker in der Gestaltung der Gartenseite, in die Fläche hinein. Die imposant wirkenden bossierten Rustika-Quader, die Fenster und Tore einfassen, sind, wie übrigens das andere Mauerwerk auch, durch Stuck verblendete Ziegel. Da es in der Umgebung von Mantua keine Stein- oder Marmorbrüche gab, mußte man sehen, wie man mit Ziegel, Stuck und Terrakotta zurechtkam. Giulio Romano hat aus diesen wenig repräsentativen Materialien nicht nur kühne Konstruktionen, sondern brillante Effekte und Dekorationen herausgeholt. Und da er wußte, daß die Säulen nicht mehr aus Marmor und die Architrave nicht aus einem Block waren, konnte er auch mit Halbsäulen arbeiten und heruntersackende Triglyphen den Architrav durchbrechen lassen. Eine heitere Denunziation, nicht nur der Vorgänger.