Politische Vorsätze werden oft genug über Bord geworfen, diesmal landen sie sozusagen im Mittelmeer. Wie sehr hat sich George Bush doch gegen einen übereilten Gipfel der Supermächte ohne Aussicht auf konkrete Abmachungen gesträubt. Jetzt stimmt er einem solchen Treffen nicht nur zu, er hat es auch noch selber initiiert. Michail Gorbatschow hingegen lag eine gründliche Begegnung mit Reagans Nachfolger seit langem am Herzen.

Eine Voreinschätzung des Gipfels auf hoher See ist ohne Risiko zu treffen: Zur Signierstunde wird er nicht. Weder das Genfer Abkommen über strategische Rüstungskontrolle noch der Wiener Vertrag über konventionelle Abrüstung in Europa ist zur Unterschriftsreife gediehen; beim KVAE-Papier müßten ohnehin auch noch andere mitunterzeichnen. So bleibt als erkennbares Ziel die Vertiefung der Bekanntschaft zwischen den beiden Staatsmännern. Der Austausch über gemeinsame und unilaterale Probleme steht ebenfalls auf dem Programm. In diesen dramatischen Zeiten lohnt ein solches Unternehmen den Aufwand. Er kann – sofern Überrumpelungen à la Reykjavik ausbleiben – die Gefahr gegenseitiger Fehleinschätzungen verringern und das gegenseitige Verständnis mehren.

Auch der innenpolitische Gipfelertrag für die Hauptakteure läßt sich absehen. George Bush wehrt damit deutlicher als bisher dem Verdacht, er widme sich dem Wandel im Osten nur halbherzig. Er setzt nun voll auf den sowjetischen Erneuerer. Für Michail Gorbatschow bedeutet das mediterrane Unternehmen eine Atempause vom Revolutionsstreß in Moskau und neuerliche Anerkennung durch Washington. Wenn der Kreml-Chef gleichzeitig auch noch ein amerikanisches Versprechen auf umfassende Unterstützung mit nach Hause nähme, wäre nicht bloß den Sowjets geholfen. Eine Solidaritätsbekundung zwischen den Supermächten brächte globales Aufatmen. Sie könnte mehr bedeuten als Signaturen unter Abrüstungsverträgen. D. B.