Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende Oktober

Wieder einmal wird der Name eines Tieres zum Schimpfwort für Menschen. Der Wendehals, ein vom Aussterben bedrohter Vogel, wird zum Synonym für die sich beängstigend vermehrende Spezies Mensch in der DDR, die sich in eine neuverordnete Richtung wendet. Gleichgültig, wie weit die ehemaligen Bremser sich dabei den Hals verrenken müssen: Alle tun sie so, als hätten sie nie etwas anderes als Reformen im Sinn gehabt. Doch das Mißtrauen der Bevölkerung gegenüber den neuen, von „oben“ kommenden Weggenossen bleibt groß. Den Machthabern fehlt Glaubwürdigkeit. Immer mehr DDR-Bürger konstatieren diesen Mangel und überlegen, wie er zu beheben sei: Stephan Heym, Markus Wolf, Christoph Hein. Letzterer will allerdings ein politisches System, in dem der Politiker abwählbar ist durch die Bevölkerung, wenn er nicht einlöst, was er versprochen hat.

Die oppositionellen Gruppen, das Neue Forum, die Sozialdemokratische Partei, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt, haben vor allem deshalb soviel Zulauf, weil ihre Initiatoren nicht diskreditiert sind durch frühere Ämter, weil man ihnen Ehrlichkeit bei der Suche nach neuen Wegen zutraut. So nimmt es nicht wunder, daß überall Arbeiter aus dem FDGB austreten, daß Arbeiter im Elektroanlagenbau Wilhelm Pieck in Teltow eine unabhängige Gewerkschaft namens „Reform“ gegründet haben, weil sie dem FDGB-Chef Harry Tisch nicht mehr glauben. Tisch hatte die Vertrauensfrage gestellt; am Donnerstag dieser Woche wird er nun seinen Rücktritt erklären. So verwundert auch nicht, daß kaum einer mehr der FDJ eine Reform zutraut, daß Studenten der Ostberliner Humboldt-Universität eine unabhängige Studentenvertretung vorbereiten.

Die Blockparteien setzen sich für mehr Eigenständigkeit ein. Sie erwägen den Austritt aus der Nationalen Front in der Hoffnung, auf diese Weise verlorene Glaubwürdigkeit zurückzuerlangen. Selbst die DDR-Minderheit, die Sorben, wollen von ihrem Verband, der Domowina, mehr Rückbesinnung auf die eigentliche Aufgabe. Der sorbische Schriftsteller Benedikt Dyrlich fordert auf, sich an konstruktiver – auch polemischer und kontroverser – Auseinandersetzung zu beteiligen, vor allem über die Lage der Sorben in der DDR, über sorbische Dörfer, die dem Kohleabbau zum Opfer fallen.

Manche Funktionäre mauern. Zum Beispiel bei den Sorben. Vorige Woche, bei einer Lesung des sorbischen Schriftstellers Jurij Koch in der Ortsgruppe Trattendorf nahe Sprömberg, war es wie in alten Zeiten. Dem Vorsitzenden, der am 7. Oktober verreist war, wurde die Ehrenmedaille des Staatsratsvorsitzenden (Honecker) ans Revers geheftet. Im Restaurant „Grüner Berghang“ saßen an den Tischen mit DDR-Wimpeln auf den geblümten Wachstuchdecken rund zwanzig Menschen. Jurij Koch las aus „Augenoperation“. In dem Buch wird ein siebzehnjähriger Junge vorgestellt, der versucht, ehrlich zu sein, der sich gegen die schizophrene Spaltung in offizielle und private Meinung wehrt. Die Fragen nach der Lesung fielen brav aus: „Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?“ fragte eine Frau. „Wie denken Sie sich das aus?“ wollte ein Kesselmaurer aus dem nahen Kraftwerk wissen. Doch Koch war an anderen Dingen interessiert. Er sagte seinen Domowinern, wie glücklich er über die Dinge sei, die sich jetzt in der DDR abspielen, forderte alle auf mitzumachen.

Bei den Wendehälsen hingegen ist Koch höchst willkommen: einer, der schon vor der Wende geschrieben hat, was jetzt überall gefordert wird. Die Junge Welt, deren Chefredakteur Schütt ein Interview mit ihm verbot, druckt jetzt eine Diskussion mit Schülern der zehnten Klasse über „Augenoperation“.