Die ZEIT-Umfrage, sechste Folge

Antje Vollmer: Ein bißchen Respekt!

1. Es ist selten zureichend, aus dem Speisezettel der Hungrigen auf ihren guten oder schlechten Geschmack zu schließen. Der Kapitalismus hätte den Sozialismus besiegt, wenn Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow nur im kapitalistischen System an die Spitze des Staates kommen könnten und politische Reformprozesse nur in den westlichen Systemen möglich wären. Dem ist aber nicht so. Das System, das einen gigantischen Parteiapparat und eine Nomenklatura hervorgebracht hat, hat gleichzeitig ein hellwaches und demokratiebewußtes Proletariat hervorgebracht und immerhin die Fähigkeit besessen, Michail Gorbatschow zum Generalsekretär zu wählen. Wenn es eines Tages wirklich gelingen würde, Sozialismus mit radikaler Demokratie und gesellschaftlicher Toleranz gegenüber Nationalitäten und Minderheiten zu verbinden, dann hätten die Bewohner dieser Länder und Staaten mehr als wir. Zur systembedingten Arroganz ist deswegen kein Anlaß, und ein bißchen Respekt vor der atemberaubenden Entwicklung wäre auch nicht falsch am Platz.

2. Wie gesagt: Den Sieg wird es wahrscheinlich und hoffentlich nicht geben. Er wird aber immer wieder versucht werden, da kann man sicher sein. Und so harmlos der Siegeszug der McDonald’s- und Fast-food-Eßkultur aussieht, schon der hat verheerende Wirkung in bezug auf regionale Versorgungsmärkte mit Grundnahrungsmitteln, auf kleinbäuerliche Existenzen und auf die Fähigkeit zur Eigenversorgung in vielen Teilen der Erde. Wie das dann konkret aussieht, läßt sich an jedem FDP-Parteitag studieren und ja sogar auch an dem letzten CDU-Parteitag, wo man – je nach Parteisympathie – mit Freude oder Trauer berühmte Spitzenpolitiker Hamburger kauen sehen kann.

3. Was kommt danach? Wenn es so käme: nichts Wichtiges. Aber es wird nicht so kommen. Warten wir’s doch ab.

Hans Sahl: Das Drama ist nicht zu Ende

Jede Generation hat ihre Geschichte. Die Geschichte meiner Großeltern war Bismarck, die Gründung des Deutschen Reiches und des „Verbandes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Die meiner Eltern war die Entwicklung Berlins zur Weltstadt und der Ausbruch des 1. Weltkrieges. Die Geschichte meiner Generation: Das war Marx und Freud, Hitler und Stalin, Auschwitz und der Archipel Gulag. Es war die Geschichte einer sozialen Utopie, die mit großen Hoffnungen begann, Millionen Menschenleben kostete, Kriege und Bürgerkriege, und die mit einem furchtbaren Erdbeben endete.