Nach entbehrungsreichen Jahren genießt die Nation ihren Wohlstand, doch Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum sinken

Von Christian Tenbrock

Im Bezirk Kangnam-Ku, dort, wo Seouls Neureiche in überteuerten Appartements wohnen, wo die besseren Schulen stehen und Fahrer morgens darauf warten, Ehemänner in großen Limousinen in die Innenstadt zu bringen, macht ein neues Wort die Runde: "die hundert-Millionen-Won-Lady". Hundert Millionen Won sind umgerechnet knapp 300 000 Mark.

Das Pro-Kopf-Einkommen Südkoreas liegt bei rund 7500 Mark im Jahr. Hundert-Millionen-Won-Ladies aber erstehen im "Hyundai"-Kaufhaus in Minuten ein zweiteiliges Kostüm für 4000 Mark. Zwei- bis dreimal mehr legen sie für eine Kroko-Handtasche hin. Für 30 000 Mark kaufen sie sich aus dem Ausland importiertes Geschirr, Spielzeug für die Kinder ist ihnen bis zu 1300 Mark wert. Ihre Gatten sind Mitglied in einem Golfclub und zahlen dafür horrende Aufnahmegebühren von gelegentlich sogar mehr als 500 000 Mark. Das Auto, das vor der Tür steht, ist immer öfter ein Mercedes oder ein BMW der obersten Klasse. Importlimousinen kosten in Süd-Korea zwischen 150 000 und 500 000 Mark, 3000 davon sollen in diesem Jahr verkauft werden.

Die neureichen Südkoreaner haben wesentlich dazu beigetragen, daß der Aktienindex in den vergangenen vier Jahren um das Fünffache gestiegen ist, und daß sich Boden- und Wohnungspreise oftmals innerhalb weniger Monate verdoppeln. Auf der Ferieninsel Cheju etwa hat ein kleines Häuschen am Strand vor wenigen Jahren noch fünf Millionen Won gekostet. Heute ist es achtzig Millionen Won wert.

Drei Jahre lang erreichte Süd-Korea Wachstumsraten von zwölf Prozent oder mehr, stiegen die Überschüsse in den internationalen Bilanzen. Jetzt tritt ein neues ungewohntes Phänomen auf: Die Südkoreaner sind im Konsumrausch. Wer es sich leisten kann, entdeckt die guten Seiten des Lebens – und läßt sie sich auch etwas kosten: Der Absatz von billigem Soju-Schnaps sinkt, der von Wein oder Whisky nimmt zu. Importe von Konsumgütern stiegen seit Anfang 1989 um teilweise über vierhundert Prozent. Zwanzig Millionen Südkoreaner waren während der "Chusok"-Feiertage im September unterwegs, viele von ihnen im eigenen Auto. Der Bestand an Privat-Pkw hat sich in drei Jahren verdreifacht. Seitdem die Regierung allen Bürgern Pässe erteilt, sind Flüge nach Hongkong, Bangkok oder Manila oftmals ausgebucht. Auf den Flughäfen dort erkennt man die Reisenden von der Halbinsel vor allem an der Vielzahl von Päckchen und Paketen, die sie nach Hause tragen. Südkoreaner, fand die Tourismusbehörde heraus, geben im Ausland mehr als doppelt soviel aus wie ausländische Touristen in Süd-Korea.

Immer mehr Arbeiter und Angestellte bestehen darauf, den ihnen gesetzlich zugesicherten Jahresurlaub von zehn Tagen auch zu nehmen. Zudem gab es in diesem Jahr so viele arbeitsfreie Tage wie nie zuvor: An Chusok machten Unternehmen und Behörden eine halbe Woche dicht, noch vor drei Jahren war es nur ein einziger Tag. Fällt ein Arbeitstag zwischen zwei Feiertage, so wird er oft kurzerhand zum sandwich-day erklärt und den Arbeitnehmern freigegeben. Folge ist, daß nach vorläufigen Schätzungen die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in Süd-Korea von zuvor 54 Stunden auf unter 50 Stunden gefallen ist.