De Gaulle: „Ich hielt Sie schon für tot. Was hat Sie wieder zum Leben erweckt?“ Der Soldat: „Frankreich, Herr General.“ Ein anderer Soldat: „Jemand hat ihm ‚de Gaulle‘ ins Ohr geflüstert.“ De Gaulle: „Der Name weckt in Frankreich also Tote?“ Der Soldat: „Mehr als das. Er weckt die Lebenden.“ Die Geigen schluchzen, die Kamera fährt zurück, hinter der Silhouette des Generals dämmert ein neuer Tag. Im Kinodunkel werden Taschentücher zerknüllt, Frankreich ist von den Nazis niedergeworfen und unterjocht, nur in London harrt ein bis dahin unbedeutender Brigadegeneral aus, mit trotzigem Genie und wenigen Getreuen. Wir schreiben das Kriegsjahr 1943, die Warner Brothers bringen einen neuen Film in die Kinos, „De Gaulle“, Regie: Howard Hawks, Drehbuch: William Faulkner, Titelrolle: Gary Cooper.

Oder war es Gregory Peck? Film aus, Licht an, enttäuschtes Raunen im Saal: Wahr ist, daß dieser Film nie gedreht wurde. Im Sommer und Herbst des Jahres 1942 entwarf Faulkner in Hollywood vier Versionen eines Drehbuches, das nach kurzem Hin und Her in einer Schublade verschwand und dort vor fünf Jahren von einem Faulkner-Forscher wiederentdeckt und veröffentlicht wurde; Gallimard holt es jetzt in de Gaulles Heimat zurück, wo es als kurioses Buchereignis und Grille der Zeitgeschichte gefeiert wird.

Haupt- und Staatsaktion werden von Faulkner rasch abgehandelt. De Gaulle, das Genie der Panzerwaffe, erhält nicht die Divisionen, die er gegen die anrückenden Deutschen braucht. Paris fällt, die Republik stirbt, der General flieht. In einem bretonischen Dorf spielen die Bauern das (südfranzösische) Domino und naschen gestohlenen Kaviar, lieben zwei nette Jungs dasselbe Mädchen und können sich über Frankreich nicht einig werden. Der eine schwört auf de Gaulle, der andere hält sich an die Deutschen, Faulkner an die goldene Hollywoodregel von der schlichten Geschichte mit Herz. Er war für dieses politische Heldenepos einfach eine Fehlbesetzung.

Dabei standen die Chancen anfangs gar nicht so schlecht, war doch de Gaulle im Jahr 1942 ein General ohne Armee, ein Politiker ohne Land, ein Flüchtling ohne Kriegskasse, den eigenen Verbündeten ein Greuel, kurz, mitten in der Weltgeschichte ein rätselhafter Hagestolz, der in Faulkners Romanwelt durchaus seinen Platz gefunden hätte. Mehr noch, seinen Blick stier ins Ungewisse gerichtet, die erkaltete Zigarette im Mundwinkel, Tragik in den Gesichtsfurchen – so hätte selbst Hollywood sich Gary Cooper als lonesome general vorstellen können, wie er geschlagen, aber nicht gebeugt im Abendlicht verschwindet.

Doch gefordert war nicht Abendlicht, sondern Morgenrot, nicht die von Sartre an Faulkners Figuren gerühmte „Bedrückung durch die Macht der Vergangenheit“, sondern Verklärung und Zuversicht in die Zukunft – also Propaganda. Auf schier aussichtslosem Posten durfte dieser de Gaulle fürs amerikanische Publikum und für die Geschicke künftiger Kriegsführung doch kein böser sein. Am Ende hätte Faulkner das leidige Skript am liebsten ohne diese komplizierte Figur angelegt; nicht viel anders erging es wohl auf der politischen Szene Roosevelt und Churchill mit dem ungeliebten Verbündeten.

Für Washington wie für Hollywood war dieser Schwierige nicht aus dem Stoff, aus dem die Propagandahelden sind. Roosevelt, der ursprünglich seinem Freund Jack Warner die Idee zum de-Gaulle-Film vorschlug, hatte denn auch bereits einen neuen gefunden: Josef Stalin. Der hatte nach dem Erfolg von Stalingrad genug Bataillone und darum bald auch seinen Film, „Mission to Moscow“, ein peinlich prokommunistisches Heldenepos, vom amerikanischen Präsidenten selbst in Auftrag gegeben. Daß dieser Film gedreht wurde, Faulkners Manuskript aber Makulatur blieb, ist die späte Rache des Generals.

Joachim Fritz-Vannahme