Von Robert Leicht

Ist alles, was sich dieser Tage in der DDR ereignet, nur ein grandioses Schauspiel, das in einer bedrückenden Katerstimmung enden wird? Oder hat der Aufbruch zur politischen Reform schon jenes Stadium erreicht, das einen Rückfall in die blanke Diktatur über das Proletariat ausschließt? Schon jetzt spricht alles dafür, daß der gewohnte Sozialismus real nicht mehr existiert. Nur eine Frage bleibt, auf die allerdings weder Herrscher noch Beherrschte eine Antwort wissen: Wie wird der zweite deutsche Staat hinterher aussehen?

Amnestie für Republikflucht, Reisen in die Tschechoslowakei wieder freigegeben, Pässe für (fast) alle angekündigt, Volksaussprache in und vor den Rathäusern, ein Polizeipräsident entschuldigt sich für Übergriffe, der Gewerkschaftschef Harry Tisch tritt ab, Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft, Parteifunktionäre reden mit einzelnen Mitgliedern der Oppositionsgruppen, Negativfiguren wie Karl-Eduard von Schnitzler aus dem Verkehr gezogen – und über allem ein atemberaubender Ausbruch an Glasnost in den Staatsmedien: In einer einzigen Woche jagen sich Neuerungen, von denen Monate zuvor jede einzelne als unerhörte Sensation verbucht worden wäre.

Gewiß gibt es viele Gründe wider den naiven Wunderglauben. Natürlich läßt sich die SED auf alle Zugeständnisse nur ein, um ihre Macht, so gut es eben geht, zu wahren – nicht, um sie zu teilen. Auch die sagenhafte Geschwindigkeit, mit der in Politik und Publizistik ein Saulus nach dem anderen in das Paulusgewand schlüpft, wirkt eher unglaubwürdig, selbst wenn im Mittelbau so mancher das bisher übliche politische Lied nur mit Widerwillen mitgesungen haben dürfte. Vor allem aber – was Wunder nach vierzig Jahren des autoritären Regiments? – fehlt es noch auf lange Zeit an Personen und Strukturen, aus denen sich eine völlig andere Regierung bilden ließe. Die Machtfrage hat sich also wesentlich verändert, ohne daß es schon eine neue Antwort gäbe.

Doch selbst in einem solchen Zwischenstadium kommt der Punkt, an dem die Quantität der Neuerungen in die Qualität des Neuen umschlägt. Die DDR hat diesen Punkt bereits erreicht, wenn nicht schon überschritten. Welche Rückschläge und Verzögerungen auch immer einzukalkulieren sind, eine "chinesische Lösung" ist aus mehreren Gründen ausgeschlossen. Anders als in Peking, wo die Gerontokraten jeden Schein eines Dialogs verweigert haben, hat sich die Führung in Ost-Berlin selbst in die Anfänge des Wandels verstrickt. Alles, was bisher in der DDR geschah, hat den – aus welchen Motiven auch immer erteilten – Stempel staatlicher Billigung. Wer in der SED diesen Aufbruch niederschlagen wollte, müßte sich nicht nur den Reformern in Moskau, Warschau und Budapest weiter entfremden, sondern überdies gegen die Erben Honeckers putschen. Kartätschen ist passé, was bleibt, ist allenfalls Kanalisieren.

Die Geschichte lehrt, daß Reformprozesse sich oft genug unabhängig vom subjektiven Willen der daran Beteiligten entfalten, daß der Sachzwang zumeist stärker wirkt als die Ideologie. In der DDR können die Turbulenzen schon deshalb kein Sturm im Wasserglas bleiben, weil inzwischen das Glas selbst geborsten ist. Der Wandel muß nicht zuletzt weitergehen, weil seine Ursachen weithin externer Natur sind.

Erich Honecker, der Mauerbauer, vermochte sein Regiment nur zu führen, solange er sich der ungestörten Verfügung über sein Staatsvolk sicher wähnen durfte. Was die Mauer nach Westen besorgte, leisteten im Osten die alten kommunistischen Regime. Als dort die Reformen begannen, glaubte Ost-Berlin zwar, die eigenen Tapeten würden noch eine ganze Weile halten. Doch als zuerst die Ungarn sich weigerten, der DDR weiter als Büttel zu dienen, war es mit dieser Hoffnung vorbei. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte muß die SED sich ernstlich mit den Forderungen ihrer Bürger auseinandersetzen, wenn sie sich selber im Spiel und ihr Volk bei der Stange halten will. Ein verläßlicherer Garant der Reform läßt sich kaum denken.