Von Wolfgang Hoffmann

Die Bundesrepublik hat Flagge gezeigt und klein beigegeben. Wirtschaftsminister Helmut Haussmann und Finanzminister Theo Waigel wollen eine leidige Rohstoffaffäre beilegen und sich das auch etwas kosten lassen. Mit gut fünfzig Millionen Mark will Bonn einen Teil der Schulden bezahlen, die der Internationale Zinnrat 1985 hinterlassen hat, als das Zinnabkommen zerfiel.

Mit dieser generösen Geste hat die Bundesregierung wieder einmal die These bestätigt, derzufolge Gewinne von Unternehmen immer nur privatisiert, Verluste hingegen zu Lasten Dritter sozialisiert werden. Die Millionen, die Bonn zahlen will, werden nämlich in die Kassen von Banken, Brokern und Händlern fließen, die sich beim Handel mit Zinn allesamt verspekuliert hatten.

Begonnen hatte alles am 24. Oktober 1985 in London – ein schwarzer Tag für den Zinnhandel. Der Manager des Internationalen Zinnrates stand vor einer leeren Kasse. Der Zinnpreis war von seiner einstigen Rekordhöhe – 9000 Pfund die Tonne – auf rund 3500 Pfund gefallen und die 22 Produzenten- und Verbraucherländer, die sich mit dem Zinnabkommen zusammengeschlossen hatten, waren am Ende – kurz vor dem dreißigjährigen Jubiläum des Bundes.

Zweck des 1956 geschlossenen ersten Zinnabkommens, das danach fünfmal verlängert wurde, war, "übermäßige Schwankungen des Zinnpreises und der Ausfuhrerlöse bei Zinn zu verhindern". Diese Form der Preisstabilisierung sollte den vorwiegend in der Dritten Welt beheimateten Zinnproduzenten helfen, eine ordentliche und lebensfähige Zinnindustrie aufzubauen. Immer dann, wenn die Zinnpreise aufgrund von Überangeboten zu fallen drohten, kaufte der vom Zinnrat eingesetzte Bufferstock-Manager Dieter de Könning das Metall vom Markt und lagerte es ein. Drohten die Preise wegen einer Zinnverknappung über den vom Zinnrat festgesetzten Preis zu klettern, verkaufte der Manager aus seinen Beständen. Damit wurden die Preise stabil gehalten.

Dieses Abkommen funktionierte so gut, daß es sogar eine Vorbildfunktion bekam. Viele Länder der Dritten Welt verfügen häufig nur über einen einzigen Rohstoff, der Grundlage ihrer Volkswirtschaft ist. Stabile Preise sind daher eine Voraussetzung für eine kontinuierliche Entwicklung. Nachdem man mit dem Zinnabkommen gute Erfahrungen gemacht hatte, wünschten sich die Entwicklungsländer ähnliche Abkommen für eine Reihe weiterer Rohstoffe.

Rohstoffexperten der Industrieländer haben allerdings nie viel von derartigen Abkommen gehalten. Die Verträge galten "als Sünde wider die Marktwirtschaft", wie es der frühere Rohstoffachmann der Frankfurter Metallgesellschaft, Walter Sies, einmal formulierte. Irgendwann, so Sies, kommt das "dicke Ende". Die Bundesregierung schlug solche Warnungen in den Wind, als sie 1972 erstmals dem – damals vierten – Zinnabkommen beitrat. Die Sünde wider die Marktwirtschaft besteht in dem Glauben, Angebot und Nachfrage ließen sich tatsächlich steuern. Das ist zwar bis zu einem gewissen Grad möglich, versagt jedoch dann, wenn der Interventionspreis, zu dem der Bufferstock-Manager kauft oder verkauft, zu hoch angesetzt ist. Ein zu hoher Preis ermuntert selbst die unrentabelsten Zinnhütten, das Letzte aus ihren Gruben herauszuholen. Hohe Preise reizen auch solche Länder zu zusätzlicher Produktion an, die dem Zinnabkommen nicht angehören. Hinzu kommt, daß die Verbraucherländer bei zu hohem Preis für Zinn auf billigere Substitute – zum Beispiel Glas, Aluminium oder Kunststoffe – ausweichen.