Die Flucht von den Adriastränden hat Italiens Gastgewerbe in der abgelaufenen Saison einen schweren Nackenschlag versetzt. Jetzt versuchen die Verantwortlichen, die Touristen mit millionenschwerer Werbung zurückzugewinnen.

Die staatliche Tourismusorganisation Enit läßt in diesem Jahr die Dichter zu Wort kommen: In einer weltweiten Werbung für das „Produkt Italien“ wird die Apenninenhalbinsel als das „Wunderland“ angepriesen. Nicht nur Sonne und Meer sind von der Blumenriviera bis zur Südspitze Siziliens zu haben, sondern auch Architektur und Kunst, Berge und Naturparks, fröhliche Feste und eine Begegnung mit den Menschen. „Ich wollte mich ins Wasser stürzen und bin in lauter Kultur eingetaucht“, dichten die Werbetexter.

Auf diese Weise werden für Europa, aber auch für die USA und für Japan, herrliche Kolossalgemälde geschaffen, die in einer Fünf-Milliarden-Lire-Kampagne (rund 6,8 Millionen Mark) unters Volk gebracht werden. Von Dezember bis April 1990 sind die Meisterwerke der sanften Verführung in großformatigen Anzeigen zu bewundern. Fast ein Viertel der Lockrufe für das „Wunderland Italien“ sind der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz in deutscher Sprache gewidmet.

Nur nicht von den Algen sprechen! In einem kultivierten Mittelmeerland gibt es doch auch Spiel und Sport, besonders im Jahr der Fußballweltmeisterschaft. Es gibt eine atemberaubende gemeinsame europäische Geschichte auf dem Boden Italiens.

Und außer den Küsten wartet das anziehende Binnenland auf einen Besuch. Kennen Sie schon das Ravenna des Königs Theoderich, das fürstliche Urbino, die Westentaschen-Republik San Marino? Die Werbewelle von Enit legt uns alles zu Füßen.

Kopfsprung in die Kultur, aber auch wieder einen Kopfsprung ins Wasser der Adria. An dem grünen Mißgeschick, wiederholt das Gastgewerbe immer wieder, war die Industrie in der Poebene schuld und die Landwirtschaft, die mit ihren überreichlichen Düngungen das Meer zum Schäumen brachten. Dreißig Prozent weniger Gäste kamen an die Strände zwischen Triest und Pesaro.

Enit und mit ihr die ungezählten Unternehmen, von denen die Fremdenindustrie getragen wird, garantieren dafür, daß Baden wieder ungestört von lästigem Schaum vor sich geht. Und das nicht nur in hastig gemauerten Schwimmbädern. Wellenbrecher vor der Küste, im Ernstfall verstärkt durch künstliche schwimmende Barrieren, sollen die bis gestern noch beliebten Badestrände gegen grüne Überraschungen absichern. Auf diese Weise würden sich kilometerlange Küstenstriche in einen riesigen Swimmingpool verwandeln.